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27. November 2021

Studienzusammenfassung: Migräne

Neue Erkenntnisse, große Fortschritte

Migräne ist eine chronische, den Patienten oft lebenslang begleitende neurologische Störung und die zweithäufigste Ursache für Jahre mit „Behinderungen“ weltweit. Die folgenden drei Publikationen der „Lancet“-Serie „Migräne“ thematisieren die Herausforderungen und Fortschritte in der Biomarkerforschung, fassen die Daten zur Migräneepidemiologie zusammen und erörtern die Versorgung mit medikamentösen und nichtmedikamentösen Therapien.

Grundlagen der vorgestellten Arbeiten waren Originalforschungsarbeiten, Reviews und Metaanalysen hauptsächlich der vergangenen fünf Jahre, ältere Veröffentlichungen, die häufig referenziert und hoch angesehen waren, wurden ebenfalls inkludiert. Zudem wurden die Referenzlisten der Artikel durchsucht, die diese Suchstrategie hervorbrachte. Daraus wurden jene Publikationen ausgewählt, die die Autoren als relevant beurteilten.

Epidemiologie und Versorgungssysteme1

Migräne betrifft rund eine Milliarde Menschen weltweit. Diese Prävalenz ist eine Last für die globale Gesundheit, die zu großen Teilen vermieden werden könnte, da effektive und kosteneffiziente Behandlungsoptionen zur Verfügung stehen. Offensichtliche Mängel in den Pflegesystemen erfordern eine dringende Korrektur, die durch informierte Gesundheitspolitik unterstützt werden kann. In diesem Zusammenhang ist das epidemiologische Monitoring ein leistungsfähiges Instrument, um den natürlichen Verlauf der Migräne zu charakterisieren und die Ergebnisse klinikbasierter Studien zu kontextualisieren. Epidemiologische Studien sind auch der Schlüssel zur Quantifizierung der direkten und indirekten Folgen von Migräne. Sie ermöglichen uns, die Auswirkungen der Krankheit auf die Patienten und ihre Familien, Kollegen, Arbeitgeber sowie die Gesellschaft zu verstehen.

Mit ihrem Überblick über die Epidemiologie und die globale Belastung durch Migräne wollen die Autoren das Bewusstsein und das Verständnis für die Erkrankung als Voraussetzungen für Abhilfemaßnahmen stärken. Sie diskutieren die aktuelle Struktur und Praxis der Migränebehandlung, einschließlich spezifischer Herausforderungen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Abschließend geben die Autoren Empfehlungen zur Standardisierung der epidemiologischen Überwachung, zur Verbesserung der gesundheitsökonomischen Bewertung und zur Anpassung der „Best Practices“ innerhalb der Pflegesysteme an die lokalen Bedürfnisse und die Verfügbarkeit von Ressourcen.

Nach wie vor Mängel in der Versorgung

Basierend auf ihren Analysen formulieren die Autoren folgende Kernbotschaften:

  • Migräne ist allgegenwärtig und beeinträchtigt die Gesundheit sowie Lebensqualität vieler Menschen mit tiefgreifenden Auswirkungen auf ihre Familien, Kollegen und die Gesellschaft.

  • Migräne ist die weltweit häufigste Ursache von Behinderungen bei Menschen unter 50 Jahren (besonders bei Frauen) und eine der Hauptursachen für enorme Verluste für die Weltwirtschaft.

  • Fachkräfte der Grundversorgung sind die Hauptanbieter von Gesundheitsdiensten gegen Migräne. Bei Patienten mit Behandlungsresistenz, atypischen Merkmalen oder Komorbiditäten kann eine Überweisung zu einem Spezialisten erforderlich sein.

  • Epidemiologische Studien sollten geografische sowie andere Wissenslücken schließen und eine standardisierte konsensbasierte Methodik verwenden, um vergleichende Bewertungen zwischen Ländern zu ermöglichen.

  • Um die Gesundheitspolitik zu verbessern, sollten Methoden zur Bewertung der indirekten Folgen von Migräne (z.B. Verlust der Karriere) und zur vollständigen Darstellung der durch Migräne verursachten Belastung entwickelt werden.

  • Mehr Forschung sollte die besten klinischen Praktiken und Pflegestrategien innerhalb strukturierter Kopfschmerzdienste identifizieren und deren Wirksamkeit, Reichweite und Kostenwirksamkeit bewerten.

  • In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen sind konzertierte Anstrengungen nötig, um Lösungen für die Migräne im Gesundheitswesen zu finden, die auf die lokalen Bedürfnisse, Infrastrukturen und Ressourcen zugeschnitten und für die Aus- und Weiterbildung von entscheidender Bedeutung sind.

Krankheitscharakteristik, Biomarker und Präzisionsmedizin2

Die Pathogenese der Migräne beinhaltet eine starke genetische Komponente. Migräne wird ausschließlich durch klinische Kriterien definiert. Dies hat die Forschungsanstrengungen zu migränespezifischen Biomarkern als Grundlage präzisionsmedizinischer Ansätze beflügelt.

Die Biomarker-Forschung hat bereits einen großen Beitrag zum Verständnis der Migränepathogenese geleistet. Fortschritte in den Bereichen Genetik, Provokationsmodelle, Biochemie und Neuroimaging haben gezeigt, dass Biomarker-gesteuerte Ansätze für Diagnostik, Therapie und Wirkstoffentdeckung von entscheidender Bedeutung sind. Die Bemühungen, Biomarker-Modalitäten zu kombinieren, haben das Verständnis der biologischen Komplexität, die der Migräne und ihren Subtypen zugrunde liegt, verbessert. Aufbauend auf dieser Grundlage sollte die Forschung präzisionsmedizinische Ansätze untersuchen, die die Migränediagnostik und -therapie verbessern.

Klinisches Management und neue Behandlungsansätze

Migräne ist eine große Herausforderung für die öffentliche Gesundheit und verursacht erhebliche individuelle und gesellschaftliche Kosten.3 Das aktuelle Armamentarium von Behandlungen umfasst Akutmedikation, Migräneprophylaxe und nichtpharmakologische Therapien. Trotz der verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten bleiben Unterbehandlung, mangelnde Adhärenz und fehlender Zugang zur Therapie Herausforderungen. Dies zeigten 2018 bevölkerungsbasierte Daten aus sechs europäischen Ländern.4 Nur 3–22% der Migränepatienten erhielten Triptane und lediglich 2–14% bekamen Medikamente zur Prophylaxe. Hier sind Verbesserungen dringend notwendig und die aktuellen „Standards of Care“ müssen konsequent in der klinischen Praxis umgesetzt werden.

Mit der verfügbaren Evidenz zu einer verbesserten Patientenversorgung, zur Reduktion nicht notwendiger Therapien und zu Misserfolgen bei der Behandlung befasste sich eine weitere Veröffentlichung.5 Die Autoren analysierten die verfügbaren Therapien und überprüften die Evidenz bezüglich Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheitsprofil. Ein weiterer Aspekt war, wie in den vorangegangenen Jahren zugelassene und aufstrebende Behandlungen in die klinische Praxis hätten integriert werden können.

Therapiefortschritte kommen oft nicht bei den Patienten an

In den vergangenen Jahren konnten große Fortschritte bei der Behandlung der Migräne verzeichnet werden. Ausschlaggebend dafür waren auf neuartigen Mechanismen basierende Therapieoptionen, die die „Standards of Care“ ergänzen und dazu beitragen, die Krankheitslast der Migräne zu mildern. Nach wie vor bestehen jedoch Hindernisse, beispielsweise Wissenslücken zur personalisierten Behandlung von Migränepatienten. Es bedarf daher der weiteren Erforschung der biologischen Grundlagen der Migräne, um potenzielle mechanismusbasierte Zielmoleküle für neue Wirkstoffe zu identifizieren. Zudem müssen Präzisionsmedizinstrategien entwickelt werden, die neue Therapien für das individuelle Migräneprofil jedes Patienten maßschneidern. Schließlich sollten evidenzbasierte multidisziplinäre Ansätze angewandt werden, um die klinische Praxis zu optimieren und „unmet needs“ der Migränebehandlung zu beheben.

KeyPoints

  • Migräne ist eine chronische neurologische Erkrankung und betrifft weltweit mehr als eine Milliarde Menschen.

  • Migräne ist weltweit die zweithäufigste Ursache für „Behinderung“, nur übertroffen von Rückenschmerzen.

  • Migräne ist eine Erkrankung mit klarer neurobiologischer Grundlage. Bislang wurden in genomweiten Assoziationsstudien 38 genetische Loci gefunden, die mit Migräne assoziiert sind.

  • Neben dem klassischen Migränekopfschmerz besteht die Erkrankung aus weitaus mehr klinischen Kennzeichen, u.a. autonomen Funktionsstörungen; die Neigung zu Angststörungen führt auch interiktal zu massiven Belastungen.

  • In den vergangenen fünf Jahren wurden mehr neue Attacken-/Prophylaxemedikamente erforscht und zugelassen als in den letzten Jahrzehnten: monoklonale Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor, Ditane, Gepante, aber auch neuromodulatorische Devices.

Literaturtipp
zum Thema „chronische Kopfschmerzen“
www.allgemeinarzt.digital/medizin/psyche-und-nerven/neues-zu-den-chronischen-kopfschmerzen-2107147

Bericht: Dr. Gabriele Senti
Die hier präsentierten Publikationen hat Assoz. Prof. PD Dr. Gregor Brössner, Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck, ausgewählt. Sie fassen alle wichtigen Erkenntnisse und Aspekte zur Migräne der letzten Jahre zusammen.

1 Ashina M et al.: Migraine: epidemiology and systems of care. Lancet 2021; 397: 1485–95

2 Ashina M et al.: Migraine: disease characterisation, biomarkers, and precision medicine. Lancet 2021; 397: 1496–504

3 Ashina M: Migraine. N Engl J Med 2020; 383: 1866–76

4 Katsarava Z et al.: Poor medical care for people with migraine in Europe—evidence from the Eurolight study. J Headache Pain 2018; 19: 10

5 Ashina M et al.: Migraine: integrated approaches to clinical management and emerging treatments. Lancet 2021; 397: 1505–18

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