5. Oktober 2021

Kommentar

Tohuwabohu gegen Menetekel

Als Hausarzt den Fachartikel eines Spezialisten zu kommentieren, hat normalerweise ein gewisses Grundrauschen von „schon wieder einer, der uns Hausärzten sagen will, wo es langgeht“. Bei „Altmeister“ Förstl verbietet sich das. Denn wer ihn kennt, weiß, dass sein Diktum stets mit respektvoller Achtsamkeit über die Grenzen seines Fachgebiets reicht, und er weiß ferner, dass es sich paart mit einer Didaktik, welche noch immer das tiefe Ethos und die hohe Professionalität eines altgedienten Hochschullehrers atmet. Dies zur sehr persönlichen und einleitenden Referenz.

Um in der hebräischen Bildsprache zu bleiben, stelle ich dem einleitenden nosologischen Tohuwabohu von Förstl mein hausärztliches Menetekel an die Seite. Denn wie nahezu keine andere Krankheit schweißt die Demenz den betreuenden Hausarzt mit seinem Patienten in einen Schicksalsbund zusammen, der allzu oft zu einem beiderseitigen unerträglichen Menetekel wird.

Es ist hilfreich, die gekonnt beschriebene Road Map des Autors entlangzugehen. Den Anfang macht Förstl mit seinen fünf essenziellen Fragen für die Diagnostik, einer Mischung aus Anamnese und allgemeiner Diagnostik, bevor er zur Frage und Wertigkeit nach dem geeigneten Demenztest kommt. Dass sich auf diesem Gebiet nichts Neues getan hat, beruhigt einerseits, macht andererseits auch etwas mutlos, weil oft schon die „erlebte Anamnese“ des Hausarztes das Testergebnis vorwegnimmt. Wozu dann also Demenztests? Hier gilt es massiv dagegenzuhalten: Wie oft schreiben wir routinemäßig EKGs, wo wir schon im Voraus wissen, dass keine Pathologie zu erwarten ist? Das Geriatrische Assessment, und dazu gehören eben auch die Demenztests, ist „das EKG des Geriaters“. Und mit einer Sensitivität von 71–92% und einer Spezifität von 56–96% muss sich beispielsweise die MMSE (Mini-MentalStateExamination) vor so manch anderer Diagnostik nicht verstecken.

Die „3-D-Frage“ bei der Abwägung einer Demenz gegenüber der Depression, dem Delir und dem Drogengebrauch ist ebenso essenziell wie die Frage nach den Komorbiditäten des geriatrischen Patienten. Und dankbar lese ich den Hinweis von Förstl, demente Patienten nicht dem Markt der Organspezialisten zu überlassen. Nichts fördert ein Delir mehr als eine überflüssige Ortsveränderung.

Geradezu apodiktisch klingt der Satz „(Be)handeln muss man trotzdem“.

Wie wahr! Will Förstl etwa in seinem Wechselspiel von Handeln und Behandeln das Fatale am real praktizierten hausärztlichen Nihilismus bei der Betreuung von Dementen bestätigen? Mader schreibt in seinem Lehrbuch Allgemeinmedizin und Praxis völlig zu Recht: „Eine der wesentlichen Voraussetzungen ärztlichen Handelns ist es, das Handlungsziel zu erkennen.“ Nur, dieses so wichtige therapeutische Ziel ist bei der Demenz hinter einem Gespinst von Wunsch und Traum verschwunden, Antidementiva jedwelcher Couleur hin oder her! Waren es vor 15 Jahren noch die hohen Kosten, die uns mit frischer Euphorie hoffnungsfroh zum Rezeptblock greifen ließen, geben uns seine emotionslos hingeschriebenen Pharmafakten in Förstls Artikel nur allzu Recht mit unserem pharmakologischen Nihilismus.

Mit viel mehr (Selbst-)Kritik und Mut zum Weniger sollten wir Hausärzte bei unseren multimorbiden Dementen und ihrer Polypharmazie umgehen. Nahezu regelhaft nimmt diese bei jedem Krankenhausaufenthalt weiter zu, so als ob die Entlassungsmedikation von pharmakologischen Lehrbuben verfasst wurde. Wo bleibt hier die Frage nach der „Quartären Prävention“, wenn man schon nicht auf die anticholinerge Potenz so mancher geriatrischer Blockbuster schaut?

Ein kleines Defizit im Artikel von Förstl sehe ich im Außerachtlassen multimodaler „ressourcenerhaltender“ (früher: nichtmedikamentöser) Therapien im Versorgungsalltag Dementer, die geeignet sind, die Fähigkeiten von Menschen mit Demenz zu erhalten und die Krankheitsprogression für einen definierten Zeitraum zu stoppen.2, 3

Autor:
Dr. med. Peter Landendörfer
Facharzt für Allgemeinmedizin, klinische Geriatrie
Lehrbeauftragter am Institut für Allgemeinmedizin der Technischen Universität München
Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats von „Der Allgemeinarzt“

1 Mader FH, Riedl B: Allgemeinmedizin und Praxis; Springer Verlag GmbH Berlin, 2018. 8.Auflage 2020; 11: 4243

2 Ulbrecht G, Wagner D, Graessel E: Exergames and Their Acceptance Among Nursing Home Residents. Act Adapt Aging 2012, 36(2):93-106

3 Graessel E et al.: Non-pharmacological, multicomponent group therapy in patients with degenerative dementia: a 12-month randomized, controlled trial. BMC Med 9, 129 (2011). https://doi.org/10.1186/1741-7015-9-129


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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