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13. September 2021

Patientenkommunikation

Wie umgehen mit chronischen Schmerzen?

„Was erwarten Sie von der Therapie? Was hat Ihnen in der Vergangenheit geholfen?“ – Bei der Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen sind das für Dr. med. Anjuli Sikand, Fachärztin für Allgemeinmedizin, die ersten Fragen, um gemeinsam mit dem Patienten ein individuelles Therapiekonzept zu erarbeiten. Besonders wichtig ist ihr dabei, dass die Patienten ihr Potenzial erkennen, selbst etwas gegen die Schmerzen zu unternehmen.

▸▸▸Mit welchen Worten erklären Sie einem Patienten mit chronischen Schmerzen seine Krankheit und ihre Konsequenzen?

A. Sikand: Da es sich um ein komplexes Beschwerdebild handelt, das sehr verschieden sein kann, trete ich an jeden Patienten unterschiedlich heran. Eine abwandelbare Formulierung könnte sein: „Sie leiden seit mehreren Monaten unter Schmerzen. Das nennt man chronisches Schmerzsyndrom. Chronisch bedeutet, dass Sie diese Beschwerden über einen längeren Zeitraum – vielleicht sogar ein Leben lang – begleiten werden und lange therapiert werden müssen.“

Wie das Gespräch weiter verläuft, hängt sehr davon ab, was der Patient erwartet: Einige wollen mir ihr Leid klagen und gehört werden, andere suchen eine einfache Lösung, die es oft nicht gibt. Junge Eltern mit Kindern und Rückenschmerzen wünschen sich möglicherweise einen anderen Therapieansatz als ältere Patienten mit Gelenkbeschwerden. Ich lege dann den Blumenstrauß an Behandlungsmöglichkeiten auf den Tisch, lasse aber letztlich den Patienten entscheiden, was er für hilfreich hält.

▸▸▸Mit welchen Worten erklären Sie dem Patienten, was er selbst tun kann, was Sie für ihn tun können und welche medikamentösen Möglichkeiten es gibt?

A. Sikand: Getreu dem Motto „Wer fragt, der führt“ stelle ich dem Patienten gerne Fragen, wie: „Was hat Ihnen bisher gut geholfen? Wie kann ich Sie unterstützen?“ Der Patient beginnt somit über sein Beschwerdebild nachzudenken und ich kann seine Antworten dann bei meinen Therapievorschlägen berücksichtigen.

Zum Thema Medikamente sage ich: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich! Wir können Ihre Schmerzen gerne mit Schmerzmitteln lindern, damit Sie sich beispielsweise wieder besser bewegen können. Medikamente haben möglicherweise Nebenwirkungen, und dies sollten wir berücksichtigen. Wie sehen Sie das?“ Viele Patienten möchten ungern Tabletten einnehmen, daher fahre ich fort: „Wir steigern vorübergehend die Dosierung Ihrer Schmerzmittel, und wenn Sie wieder mobiler sind und die Schmerzen nachlassen, sehen wir zu, dass wir die Dosis wieder reduzieren.“

Heute Vormittag beispielsweise stellte sich eine rüstige alte Dame vor und berichtete über seit zwei Jahren bestehende Rückenschmerzen, die jetzt wieder stärker geworden seien. Sie hatte schon eine diagnostische Odyssee und mehrere Therapien hinter sich. Ich fragte: „Und was hat Ihnen am besten geholfen?“ Gut geholfen hatte die Krankengymnastik, aber der Anlaufschmerz sei trotz Schmerzmitteln schlimm. Ich antwortete „Ich verstehe, dass es frustrierend sein kann, wenn sich keine organische Ursache für Ihre Schmerzen findet. Wie stark sind denn die Schmerzen auf einer Skala von 1 bis 10 und wo müssten sie liegen, damit es Ihnen besser geht?“ Daraufhin erhöhte ich die Schmerzmitteldosierung entsprechend, bot ihr zusätzlich Rehasport an und vereinbarte einen Wiedervorstellungstermin. Damit Patienten merken, dass sie selbst etwas tun können, hebe ich bei diesen Kontrollen vor allem kleine Erfolge mithilfe der Schmerzskala hervor. Die Visualisierung hilft.

▸▸▸Welche Ängste und Reaktionen erleben Sie bei den Patienten und wie gehen Sie damit um?

A. Sikand: Immer wieder erlebe ich Patienten, die Angst davor haben, sich lebenslang quälen zu müssen. Sie fühlen sich oft hilflos, sind demotiviert und überfordert. Das kann zu Erschöpfungszuständen und depressiven Verstimmungen führen. Diese Gefühle sind völlig legitim. Durch offene Gespräche mit Sätzen wie: „Ich höre Sie. Ich verstehe Sie. Lassen Sie mich an Ihren Gefühlen teilhaben. Ich nehme Sie ernst.“ kann ich Patienten begleiten und unterstützen.

Ich erinnere mich an eine betagte Dame mit Brustkrebs, die an Schmerzen in Brust und Rücken litt. Sie hatte Angst und befürchtete eine unerkannte Knochenmetastase, doch diese konnte mittels Bildgebung ausgeschlossen werden. Hinzu kam aber, dass sie zu Hause ihren Mann pflegte und das auf keinen Fall aufgeben wollte. Sie erklärte mir „Ja, mich belastet die Situation daheim sehr und ich weiß, dass ich selbst krank bin, aber ich schaff das schon.“ Mir wurde klar, dass ihre Schmerzen psychischer Ursache waren. Ich hörte ihr aufmerksam zu. Und das war es, was ihr guttat – ihre Last, die sie sozusagen auf ihrem Rücken trug und die ihre Brust einschnürte, einfach mal abladen zu können.

▸▸▸Wie verändern chronische Schmerzen nach Ihrer Erfahrung die Sicht der Patienten auf ihr eigenes Leben? Und wie reagieren Sie darauf?

A. Sikand: Patienten setzen sich oft bewusster mit ihrem Leben und den äußeren Umständen auseinander. Einige erkennen dann Ursachen und Trigger der Schmerzen und möchten etwas ändern, sie motivieren sich gewissermaßen selbst. Ist das dann erfolgreich, erleben sie sich als selbstwirksam. Das hebt die Stimmung und spornt weiter an. Meine Rolle als Ärztin sehe ich in der Beratung und Unterstützung.

▸▸▸Was konkret sagen Sie den Patienten, um ihnen Ängste und Sorgen zu nehmen?

A. Sikand: Eine mögliche Formulierung wäre: „Lassen Sie Ihre Ängste zu, sie sind völlig normal. Sie können diesen Ängsten begegnen, indem Sie erkennen, dass in Ihnen selbst die Ressourcen und die Kraft liegen, etwas gegen Ihre Schmerzen zu unternehmen. Vertrauen Sie darauf und werden Sie aktiv! Ich unterstütze Sie gerne dabei. Bleiben Sie also zuversichtlich.“

▸▸▸Welche konkreten weiteren Schritte besprechen Sie mit dem Patienten?

A. Sikand: Gute Erfahrungen habe ich mit Schmerztagebüchern gemacht, in denen die Patienten Schmerzstärke, -lokalisation, -dauer, Auslöser, Begleitsymptome und Medikation dokumentieren. So kann man Trigger identifizieren, Schmerzspitzen erkennen, Zusammenhänge mit anderen Ereignissen herstellen und prüfen, ob die bestehende Medikation verändert werden sollte bzw. ob eine geänderte Therapie wirkt. Das ist nicht nur für meine weitere Beratung hilfreich, sondern auch für den Patienten, denn er sieht anhand des Tagebuchs, wie er selbst die Schmerzen beeinflussen kann. Zudem vereinbare ich ungefähr alle vier Wochen Wiedervorstellungstermine zur Reevaluation.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich es für wichtig halte, stetig darüber nachzudenken, wie ich mit meinen Patienten umgehe, und mich auch ständig darin zu üben und dazuzulernen. Ich würde mir wünschen, dass schon den Studenten beigebracht würde, wie wichtig gelungene Patientenkommunikation ist.

Interview: Roland Müller Waldeck

Unsere Interviewpartnerin:
Dr. med. Anjuli Sikand
Fachärztin für Allgemeinmedizin in Rodgau-Dudenhofen


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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