„Alternativmedizin“ und seriöse Komplementärverfahren

Wer heilt, hat recht! Reicht das?

Die Diskussion über alternative medizinische Methoden wird aus sehr unterschiedlichen Standpunkten heraus geführt, oft tritt persönliche Verunglimpfung an die Stelle einer sachlichen Diskussion. Im Gespräch mit Eltern, Kollegen und Heilpraktikern gilt es, den Gesprächspartner zu überzeugen, nicht, recht zu behalten. Dies setzt eine offene Streitkultur voraus, auf dem Boden rationalen Denkens. In einer mehrteiligen Übersicht werde ich Methoden besprechen, die häufig als alternative Methoden wahrgenommen werden.

Ärzte (auch Heilpraktiker, Hebammen, Heiler, Drogisten und Apotheker) der sogenannten Alternativmedizin lassen oft kein gutes Haar an den „ignoranten Schulmedizinern“ und „korrupten Söldnern der Pharmaindustrie“. Man sollte sich nicht irritieren lassen, das gehört zum Geschäft. Auch sollte man nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Schließlich ist die Geschichte der Medizin eine Geschichte von Irrtümern. Allerdings haben Schulmediziner den Vorteil, dass kritische Wissenschaft sie immer wieder von Irrtümern befreit.

Wissenschaftliches Denken ist grundsätzlich ergebnisoffen, jede Außenseitermethode kann Eingang in den Kanon rationaler Behandlungsverfahren finden, sobald sie mit allgemeingültigen Methoden ihre Wirksamkeit unter Beweis gestellt hat. Andererseits darf nicht vergessen werden, dass sich die Begeisterung für Alternativmethoden oft aus trüben Quellen speist. Auch viele sogenannte Fachinformationen schaffen keine Klarheit, wie das Beispiel in Tabelle 1 und die Definition einer Schweizer Versicherung zeigen: „Alternativmedizin ist eine Alternative zur Schulmedizin. Sie arbeitet ganzheitlich …“1,2 Alles bleibt unpräzise, aber stets wird der Gegensatz zwischen der apparate-, pharma- und profitabhängigen Schulmedizin auf der einen und der ganzheitlichen, natürlichen, am Menschen insgesamt orientierten Alternativmedizin auf der anderen Seite konstruiert. Das ist Propaganda. Es gibt keine Alternativmedizin, die solides Fachwissen und wissenschaftliches Denken ersetzt. Es gibt nur sogenannte Alternativmethoden, die für sich in Anspruch nehmen, eine reale Alternative zu sein.

Sehr wohl gibt es aber seriöse Komplementärverfahren, die klassische Methoden sinnvoll ergänzen. Viele sehen das anders. Im Internetportal der gesetzlichen Krankenkassen liest man beispielsweise: „Immer mehr Menschen möchten im Krankheitsfall auch alternative Heilmethoden nutzen, immer mehr Krankenkassen kommen diesem Wunsch entgegen und übernehmen ganz oder teilweise die Kosten der Behandlung.“3 Zur Auswahl steht eine Fülle von Angeboten, Seriöses wird mit Unseriösem vermischt. Der politisch gewollte wirtschaftliche Wettbewerb der Krankenkassen verhindert eine seriöse Auswahl.

„Wer heilt, hat recht!“ – reicht diese Begründung, um diese Methoden als empfehlenswert und ihre Wirksamkeit als wissenschaftlich nachvollziehbar einzuschätzen und sie somit zu Lasten der Sozialgemeinschaft zu finanzieren? Wohl kaum. Dass Placebowirkungen auch in der konventionellen Medizin eine große Rolle spielen, ist bekannt. Bei jedem vierten chronisch kranken erwachsenen Patienten hilft Handauflegen, freilich nur kurz, wie vor Jahren eine Umfrage des Deutschen Allergie- und Asthma-Bundes zeigte.4, 5

Was ist „Integrative Medizin“?

Dieser Begriff wird häufig missbraucht und Vorsicht ist geboten: In der wissenschaftlich orientierten Medizin gilt der Grundsatz, dass für jeden einzelnen Bestandteil eines Arzneimittels, ob pflanzlichen Ursprungs oder synthetisch hergestellt, isoliert ein Wirkungsnachweis geführt werden muss. Dieses Prinzip steht im Widerspruch zu Strategien, die Verfechter von manchen sogenannten Alternativmethoden verfolgen. Sie kombinieren unwirksame oder zweifelhafte mit wirksamen Methoden. Ein prominentes Beispiel der Strategie, auf Nummer sicher zu gehen und gegebenenfalls den Erfolg für sich zu beanspruchen, lieferte laut New York Times vom 5. Februar 2020 die chinesische Regierung mit der Empfehlung, sie sehe bei der Behandlung von Patienten, die mit dem neuen Coronavirus infiziert seien, Potenzial in einem Cocktail aus (westlichen) antiviralen Medikamenten zusammen mit einer traditionell chinesischen Medizin, der „Peaceful Palace Bovine Pill“, die aus Gallensteinen von Rindern, Büffelhorn, Jasmin und Perlen hergestellt wird.

Die chinesische Kulturgeschichte kennt dazu eine wunderbare Tierfabel, den „Fuchs im Schatten des Tigers“: Ein glückloser Fuchs kreuzt den Weg eines hungrigen Tigers. Kurz bevor der ihn verschlingen kann, fährt er ihn an: „Unwürdige Kreatur! Weißt du nicht, wer ich bin?“ Während der Tiger einen Moment zögert, behauptet der Fuchs, er sei von den Göttern als Herrscher über alle Tiere auserkoren worden. Und als der Tiger das nicht glauben will, bietet der Fuchs an, es ihm zu beweisen: „Geh einfach ein paar Schritte hinter mir und du wirst sehen, dass alle Tiere im Wald mich als ihren Herrscher fürchten – ganz wie es ihnen ansteht.“ Auf ihrem Weg durch den Wald scheuen in der Tat alle Tiere vor dem ungleichen Gespann zurück, so dass nach einer Weile selbst der Tiger überzeugt ist, mit dem Fuchs den Herrscher der Tierwelt vor sich zu haben. Eingeschüchtert und voll demütiger Worte sucht er also das Weite ...

Akupunktur

Sie ist Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), eines Systems empirisch und naturphilosophisch begründeter Therapieformen. Hieraus ergibt sich ein Verständnis von Gesundheit und Krankheit, das modernen westlichen Vorstellungen in vielen Aspekten widerspricht. Die Wirksamkeit der Akupunktur ist hinreichend bewiesen, allerdings nur für wenige der beanspruchten Diagnosen und wenige Akupunkturpunkte. Für diese gibt es ein anatomisches Korrelat. Davon kann man sich beispielsweise durch Druck auf den Interdigitalraum I/II der eigenen Hand überzeugen. Für Meridiane und die Organrepräsentanz an Fußsohle und Ohr („Ohrakupunktur“ etc.) gibt es keine anatomischen Korrelate. Gesichert ist: Bei chronischen Kopfschmerzen, Schmerzen der Lendenwirbelsäule und Arthroseschmerzen ist die echte Akupunktur deutlich besser wirksam als die medikamentöse Behandlung, aber nur unwesentlich besser als eine Placebo- bzw. Scheinakupunktur. Ähnliches wurde auch in der Behandlung von Migräne beobachtet. Diese und andere Beobachtungen haben eine höchst interessante Diskussion über spezifische und unspezifische Placebowirkungen angestoßen. Manche Autoren sprechen der Akupunktur jede spezifische Wirkung ab. Möglicherweise ist die hochkomplizierte und nicht nachvollziehbare Lehre von den Meridianen und den Organpunkten entbehrlich („Hauptsache, es pikst“). Andererseits gibt es intensive Bemühungen, die Wirkungen der Akupunktur auf Gewebeebene zuverstehen.6

Das Thema bleibt spannend. Für den klinischen Alltag spielt die Kosten-Nutzen-Analyse eine Rolle: Bei asthmakranken Kindern kann durch Akupunktur eine kurzfristige Wirkung erzielt werden, die der Inhalation eines kurzwirksamen Muskarinrezeptor-Antagonisten (SAMA) entspricht. Mein persönlicher Eindruck: jahrtausendealte Erfahrung mit wissenschaftlich nachvollziehbarem Kern, umwölkt von Schamanentum.

Anthroposophische Medizin

Sie stützt sich zur Erforschung des Physischen, Lebendigen, Seelischen und des Geistes nach eigenem Verständnis sowohl auf die Prinzipien der Naturwissenschaft als auch auf die anthroposophische Geisteswissenschaft. Letztere postuliert eine Erweiterung der Erkenntnis durch höhere Erkenntnisformen, durch die unter anderem vier Wesensglieder des Menschen (physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich-Organisation) beschrieben werden könnten. Erkrankungen werden zum Beispiel als Disharmonie der Wesensglieder gedeutet. Therapien werden mit dem Ziel eingesetzt, durch die Überwindung der Krankheit ein neues Gleichgewicht zu finden. Zu den anthroposophischen Therapien zählen neben der Anwendung von Heilpflanzen wie der Misteltherapie bei Krebs und homöopathischer Präparate auch Heileurythmie, Farbtherapie, die Rhythmische Massage sowie anthroposophische Ansätze heilkundlicher Anwendungen künstlerischer Prozesse (Kunst- und Maltherapie, Plastizieren, Musiktherapie).

In Deutschland hat die anthroposophische Medizin seit 1978 den rechtlichen Status einer besonderen Therapierichtung. Daher ist für die Zulassung anthroposophischer Arzneimittel ein Wirksamkeitsnachweis in der sonst üblichen Form nicht zwingend erforderlich. Nach Einschätzung der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft liegen für die Anwendung anthroposophischer Heilmittel nur unzureichende Wirksamkeitsstudien vor. Die Bundesärztekammer stellte 1993 in einem Memorandum fest, dass die anthroposophische Medizin nicht zu den objektiv wirksamen Behandlungsverfahren gehöre.

Aromatherapie

Sie ist eine wunderbare und sicher wirksame Methode der Autosuggestion: Wer ließe sich – in der entsprechenden inneren Verfassung – nicht vom Duft eines Rosenstrauches verführen? Andererseits wurde an älteren Damen beobachtet, dass das Schnuppern an ätherischen Ölen die Synthese des „Glückshormons“ Oxytocin auslösen kann. Sichern diese Befunde der Aromatherapie einen Platz in der wissenschaftlich fundierten Phytotherapie? Die Frage bleibt offen. Schließlich dürften diese Testpersonen auch beim Betrachten eines niedlichen Säuglings Glück empfinden – und das auch durch Oxytocinproduktion biochemisch ausdrücken.

Atemtherapie

In verschiedenen Disziplinen spielt sie eine bedeutende Rolle, beispielsweise in der Pneumologie zur Behandlung des Asthma bronchiale, in der Physiotherapie bei der Skoliosetherapie, in der Psychosomatik bei Hyperventilationstetanie und emotionalen Störungen. Sie ist auch ein Element der Achtsamkeitstherapie, einer moderneren Variante der Ordnungstherapie.

Ayurvedische Medizin

Die seit Jahrtausenden in Indien praktizierte Medizin verfügt, ähnlich wie die TCM, über einen großen Erfahrungsschatz, der wertvolle Hinweise zur Verbesserung unserer Behandlungsmethoden gegeben hat und weiterhin geben kann. Dazu gehören unter anderem pflanzliche Arzneimittel, Empfehlungen zur Lebensführung und Ernährung. Mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ist Ayurveda vielfach nicht vereinbar. Wirkungsnachweise nach den Grundprinzipien der evidenzbasierten Medizin sind kaum oder nicht vorhanden. Gewarnt wird beispielsweise vor Verunreinigungen ayurvedischer Medikamente mit toxischen Substanzen. Der Übergang der hierzulande praktizierten ayurvedischen Medizin zur Wellnessmedizin ist fließend.

Autor:
Prof. Dr. med. Walter Dorsch
Kinder- und Jugendarzt, Kinderpneumologie, Allergologie, Naturheilverfahren Kinderärztliche Praxisgemeinschaft München

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