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29. November 2022

Impfungen abseits von „Corona“

Grundimmunisierungen nicht vergessen!

Impfungen gegen SARS-CoV-2 stehen aktuell weiter im Fokus. Alle Bevölkerungsschichten sollen mittlerweile zwei Grundimmunisierungen und einen Booster erhalten haben, Risikogruppen und Menschen ab dem 60. Lebensjahr sogar einen zweiten Booster. Parallel beginnt zum Jahreswechsel aber auch die Grippesaison und die Grundimmunisierungen gegen andere Viruserkrankungen sind weiterhin wichtig. Mit welcher Taktik man seine Patienten möglichst optimal mit Impfungen versorgen kann und was dabei zu berücksichtigen ist, zeigt die folgende Zusammenfassung.

Impfungen schützen nicht nur das Individuum, sondern auch die Population. Bei einer hohen Durchimpfungsrate in der Bevölkerung ist es möglich, ein Virus auszurotten. Grund genug, jede Gelegenheit zu nutzen, den Impfstatus eines Patienten bei einem kurativen oder präventiven Anlass in der Praxis zu überprüfen.

Lebendimpfstoffe (z.B. gegen Masern, Mumps, Röteln, Varizellen oder das Rotavirus) können simultan, also gleichzeitig verabreicht werden. Werden sie nicht simultan gegeben, ist ein Mindestabstand von vier Wochen einzuhalten. Bei der Anwendung von Totimpfstoffen ist eine Einhaltung von Mindestabständen — auch zu Lebendimpfstoffen — nicht erforderlich.

Der Verletzungsfall

Ein 25-jähriger Patient kommt nach einem Sturz vom Fahrrad in die Praxis. Es liegen eine Schürf-wunde am rechten Unterschenkel und eine Risswunde an der linken Hand vor, die sekundär bzw. primär per Naht versorgt werden. Da der Tetanus-Impfstatus unklar und ein aktueller Impfschutz gegen FSME nicht vorhanden ist, kommen die folgenden Leistungen zur Abrechnung, wie sie in Tabelle 1 aufgelistet sind.

Fazit: Tetanus alle 10 Jahre auffrischen!

Nach der aktuell gültigen Schutzimpfungsrichtlinie sind Tetanus-Auffrischimpfungen ab dem Alter von 18 Jahren jeweils 10 Jahre nach der letzten vorangegangenen Dosis notwendig und sollten laut RKI-Empfehlung in der Regel in Kombination mit der gegen Diphtherie (Td) durchgeführt werden. Da kein Monoimpfstoff gegen Pertussis mehr zur Verfügung steht, wird auch ein Dreifach-Kombinationsimpfstoff (Diphtherie-Tetanus-Pertussis) empfohlen.

Der Patient erhält deshalb in einer Sitzung einen Kombinationsimpfstoff gegen Tetanus, Diphtherie und Pertussis sowie einen Einzelimpfstoff gegen FSME.

Der Vorsorgefall

Ein 36-jähriger Krankenpfleger wünscht die Durchführung aller in der GKV möglichen Vorsorgeuntersuchungen. Ihm wird die Gesundheitsuntersuchung, das Hautkrebs- und das Hepatitis-Screening angeboten. Bei der Überprüfung des Impfausweises stellt sich heraus, dass im Jugendalter nur eine unvollständige Impfserie gegen HepatitisB durchgeführt wurde und auch kein Impfschutz gegen HepatitisA vorhanden ist. Da der Patient nach 1970 geboren ist, stellt sich auch die Frage nach einem gültigen Impfschutz gegen Masern.

Nach der aktuell gültigen Schutzimpfungsrichtlinie besteht eine Indikation zur Impfung gegen HepatitisA bei Personen mit erhöhtem beruflichem Expositionsrisiko (z.B. im Gesundheitsdienst). Bei im Säuglingsalter gegen HepatitisB geimpften Personen mit neu aufgetretenem Hepatitis-B-Risiko und unbekanntem Anti-HBs-Status sollte eine weitere Impfstoffdosis gegeben werden. Dabei ist eine serologische Vortestung bei hohem anamnestischem Expositionsrisiko als GKV-Leistung möglich. Dies gilt auch für eine serologische Kontrolle des Impferfolges bei allen Personen.

Nach dem Masernschutzgesetz muss bei fehlendem Impfnachweis eine einmalige Impfung vorzugsweise mit einem MMR-Kombinationsimpfstoff erfolgen, bei beruflicher Exposition zweimalig.

Da im Rahmen dieses Arzt-Patienten-Kontaktes neben den Impfungen kein kurativer Anlass besteht, kommen ausschließlich die in Tabelle 2 aufgelisteten, präventiven Leistungen nach EBM zur Abrechnung.

Fazit: Hepatitis-Auffrischung bei Risikogruppen durchführen!

Da bei dem Patienten die Hepatitis-Serologie negativ ausfällt und er als Rettungssanitäter tätig ist, erfolgt eine Auffrischungsimpfung jeweils mit einem Kombinationsimpfstoff gegen HepatitisA/B und gegen Masern/Mumps/Röteln. Die hier erforderliche zweite MMR-Impfung wird entsprechend den RKI-Empfehlungen nach 4Wochen durchgeführt.

Der „Corona“/Influenza-Fall

Die 61-jährige Patientin kommt zur Verlaufskontrolle eines bekannten Diabetes mellitusTyp 2 in die Praxis und erhält Termine für die fällige Gesundheitsuntersuchung, verbunden mit einem Hautkrebs-Screening und der Aufklärung zur Früherkennung des kolorektalen Karzinoms und zur DMP-Kontrolluntersuchung.

Da die Patientin bisher nur über eine Grundimmunisierung gegen SARS-CoV-2und eine Boosterung verfügt, wird ihr eine weitere Boosterung und parallel die saisonale Influenza-Impfung angeboten.

Beachtenswert ist, dass ab dem 1. Quartal 2023 auch für die neuen Impfstoffe nur noch die einheitlichen Suffixe A/G/V gelten. Es bleibt dabei, dass je Impfstoff eine Pseudoziffer vorgesehen ist und die Suffixe A für allgemeine Indikation, G für Pflegeheimbewohner und V für berufliche Indikation unverändert sind. Alle anderen Suffixe entfallen ab dem 1. Januar 2023. Zusätzlich muss über ein bis dahin neu zu schaffendes Feld 5014 („Stellung in der Impfserie im KVDT“) die Position der Impfung in der gesamten Impfserie angegeben werden. Im vorliegenden Fall wäre das der Wert „4“ für die Anzahl der bisherigen Impfungen, wobei Infektionen nicht mitgezählt werden.

Es resultiert deshalb die folgende Leistungsabrechnung, wie sie in Tabelle 3 dargestellt ist.

Fazit: gleichzeitige Impfung gegen COVID-19 und Influenza sinnvoll!

Die Patientin erhält simultan eine zweite Booster-Impfung gegen SARS-CoV-2 und die saisonale Influenza-Impfung.

Sie wird außerdem über das besondere Risiko einer Infektion mit dem Zoster-Virus in dieser Altersgruppe informiert.

Der „geriatrische“ Fall

Ein 72-jähriger Patient kommt in Begleitung seiner Tochter in die Praxis. In letzter Zeit sollen vermehrt Schwindelzustände und Gedächtnisstörungen aufgetreten sein, was bei dem ansonsten agilen Patienten ungewöhnlich sei. Neu aufgetreten ist aber auch eine Harninkontinenz.

Bei dem Patienten wird ein geriatrisches Assessment durchgeführt und der Impfstatus überprüft. Es sind alle Basis-Impfungen vorhanden, außer einem Impfschutz gegen Influenza und das Zoster-Virus.

Hieraus resultiert die folgende Abrechnungskonstellation, die in Tabelle 4 dargestellt ist.

Fazit: Herpes-Zoster-Impfung bei Personen über 60!

Die Zoster-Impfung ist nach der aktuell gültigen Schutzimpfungsrichtlinie eine Standardimpfung für Personen ab dem Alter von 60 Jahren. Notwendig ist eine zweimalige Impfung im Abstand von mindestens 2 bis maximal 6 Monaten mit einem adjuvantierten Herpes-Zoster-Subunit-Totimpfstoff.

Eine erste simultan verabreichte Impfung gegen das Zoster-Virus und gegen das Influenza-Virus wäre möglich, wegen denkbarer Auswirkungen auf das Allgemeinbefinden des Patienten bei fortgeschrittenem Alter erfolgt die Influenza-Impfung aber erst 2 Wochen später und die zweite Zoster-Impfung nach 4 Monaten.

Literaturtipp
zum Thema „Masernfrei durch konsequentes Impfen“

Autor
Dr. med. Gerd W. Zimmermann
Facharzt für Allgemeinmedizin, Hofheim am Taunus


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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