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13. Januar 2021

Eine neue Ära der Arzneimittelverordnung

Mit Beginn des Jahres 2021 sind Ärzte bei der Arzneimittelverordnung nicht mehr an den Anbieter ihres Praxisverwaltungssystems gebunden. Die neue Verordnungsschnittstelle erlaubt, Rezepte und Medikationspläne über die Verordnungssoftware eines anderen Herstellers zu erstellen.

BMP – „Stein des Anstoßes“

Die Einführung des Bundeseinheitlichen Medikationsplans (BMP) im Jahr 2017 hatten einige Hersteller von Praxisverwaltungssystemen zum Anlass genommen, hohe Gebühren für diese Weiterentwicklung zu verlangen. In der Tat waren die Anforderungen des Gesetzgebers zur Umsetzung des BMP nicht unerheblich. Auffällig war aber doch, dass es eine deutliche Diskrepanz zwischen den Preisen mancher Hersteller und denen anderer Anbieter gab, die die gesetzlichen Änderungen ganz ohne zusätzliche Kosten für die Praxen umgesetzt hatten. Die Stimmung bei den Ärzten war angespannt, als problematisch wurde insbesondere der „Lock-in“ in die vorhandene Software gesehen, die den Praxen keine Wahlmöglichkeit ließ und sie zwang, die Bedingungen ihres Softwareherstellers zu akzeptieren.

Schnittstelle für einfachen Systemwechsel

Letztlich wurde der Gesetzgeber aktiv und beschloss als Konsequenz im § 291d Abs. 1 SGB V die Einführung der Archiv- und Wechselschnittstelle (AWS), die einen einfachen Systemwechsel und das Transferieren von Patientendaten zwischen verschiedenen Praxisverwaltungssystemen (PVS) ermöglichen soll. Außerdem wurde mit der Einführung der Verordnungsschnittstelle der bestehende „Lock-in“ aufgebrochen. War bisher eine Praxis noch gezwungen, zur Arzneimittelverordnung die Datenbank des Herstellers ihres PVS zu verwenden, ermöglicht diese Schnittstelle nun, eine beliebige Software für Arzneimittelverordnung und Pflege des Medikationsplans zu verwenden.

Die Schnittstelle ermöglicht der Arzneimittelverordnungssoftware, die benötigten Daten zu Patient und Medikation aus dem PVS zu holen und nach erfolgter Rezepterstellung und Pflege des Medikationsplans die Medikationsdaten in das PVS zurückzuschreiben. Damit dient das PVS nur noch als Datenspeicher, während die eigentliche Aktion in der Arzneimittelverordnungssoftware stattfindet.

Verordnungssoftware ist nicht gleich Verordnungssoftware

Die Öffnung der Praxisverwaltung zu einer externen Arzneimittelverordnungssoftware bringt den Praxen eine Reihe von Vorteilen (siehe Kasten). Die Softwareanbieter selbst konnten ihre Produkte in den letzten zwei Jahren für die neue Arzneimittelschnittstelle zertifizieren lassen. Die Zertifizierung erfolgt über die KBV, die mit „Fast Healthcare Interoperability Resources“ (FHIR) einen internationalen und offenen technischen Standard definiert hat, der nun in allen Praxisverwaltungssystemen verwendet werden muss.

Entscheidungsgewalt künftig bei Praxen

Für die Arztpraxen ist die Schnittstelle mit Beginn des Jahres 2021 verfügbar. Für sehr viele Praxen wird die Umstellung auf eine neue Arzneimittelverordnungssoftware keine große Änderung im Arbeitsablauf bringen, da viele PVS-Hersteller in ihrer Software schon heute keine vollintegrierte Arzneimittelverordnung mehr haben, sondern ein konzerneigenes oder sogar externes Produkt nutzen. Hier ist die Umstellung auf eine andere Software kein großes Problem. Für Praxen mit einer vollintegrierten Arzneimittelverordnung bietet die neue Schnittstelle die Möglichkeit, eine schnellere, günstigere und komfortablere Arzneimittelverordnung zu nutzen, ohne gleich das ganze PVS austauschen zu müssen. So können sie ihre internen Organisationsprozesse frei gestalten und so zusammenstellen, wie sie am besten passen.

Vorteile einer externen Arzneimittelverordnungssoftware

  • Sie sind nicht länger von dem Angebot Ihres Herstellers abhängig und können sich die Arzneimittelverordnungssoftware aussuchen, die Ihren individuellen Anforderungen am besten entspricht. Schnelligkeit, Komfort und Funktionsumfang können hier Auswahlkriterien sein.

  • Die Arzneimittelverordnungssoftware wird künftig auch die Erstellung und Versendung von eRezepten unterstützen. Hier wird es sicher Unterschiede im Komfort geben, die ein Grund sein können, sich eine passende neue Software auszusuchen.

  • Die Praxen können eine günstigere Software auswählen und damit ihre IT-Kosten senken.

  • Sie können insbesondere auch eine Online-Arzneimitteldatenbank wählen, bei der das Einspielen der aktuellen Arzneimitteldaten alle 14 Tage komplett automatisch erfolgt und die immer auf dem neuesten Stand ist, ohne dass die Praxis an das regelmäßige Einspielen von neuen Daten denken muss.Einfacherer Versand von eRezepten und automatische Updates von Arzneimitteldatenbanken

Autor:
Alexander Wilms
Geschäftsführer RED Medical Systems
München


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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