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2. Mai 2022

Videosprechstunde & Co.

Telemedizin auch in der Weiterbildung berücksichtigen!

Mit der COVID-19-Pandemie hat auch die Telemedizin vermehrt Einzug in die hausärztliche Praxis gehalten. Telemedizin, DiGA oder eAU gehören zum künftigen Arbeitsfeld von Allgemeinärzten. Bereits heute müssen kommende hausärztliche Generationen in der Weiterbildung auf diese neuen Gegebenheiten vorbereitet werden. Im Folgenden einige Tipps für die Umsetzung.

Eine alltägliche Situation!?

Sabine ist Ärztin in Weiterbildung (ÄiW) im vierten Weiterbildungsjahr. Bisher hat sie Erfahrung in der inneren Medizin, Chirurgie und Anästhesie gemacht. Seit zwei Monaten absolviert sie ihre Weiterbildung in der Praxis von Frau Dr. med. Vera Hübsch. Die beiden verstehen sich sehr gut; allerdings bleibt im Praxisalltag wenig Zeit, sich auszutauschen. Obwohl Frau Dr. Hübsch immer bekräftigt, Sabine solle sich bei Unklarheiten immer sofort melden, traut sich Sabine nur selten. Sie möchte den Praxisablauf nicht aufhalten. Dabei fühlt sie sich noch oft überfordert – so wie jetzt, als sie die Videosprechstunde durchführen soll. Eine MFA hat ihr das Programm schon gestartet, und der Bildschirm gibt das Zeichen, dass ein Patient wartet. Sabine weiß aber nicht, wie sie den Patienten abrufen kann.

Was zeichnet gute allgemeinärztliche Weiterbildung aus?

Der hausärztliche Beruf ist von Komplexität in unterschiedlichen Situationen geprägt, die im Sinne einer patientenindividuellen Versorgung gelöst werden müssen. Dasgelingt durch den Einsatz von (Fach-)Wissen, Fertigkeiten und persönliche Haltung, gepaart mit der Motivation, diese anzuwenden, was als professionelle Kompetenz bezeichnet wird. Die Weiterbildung soll ÄiW unterstützen, die dafür notwendigen Kompetenzen strukturiert zu entwickeln. Eine Beschreibung von Kompetenzen für die Allgemeinmedizin ist im Kompetenzbasierten Curriculum Allgemeinmedizin der Deutschen Fachgesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) zusammengefasst.1

Die allgemeinärztliche Weiterbildung erfordert aufseiten des Lernenden ein hohes Maß an Selbstständigkeit. ÄiW sind approbiert und als Leistungserbringer tätig. Der Fokus liegt auf der Entwicklung von Kompetenzen durch ein Erfahrungslernen aus komplexen Situationen des Arbeitsfeldes. Dafür bedarf es didaktischer Unterstützung.

Dies gilt auch für die rasant zunehmende Digitalisierung im Gesundheitswesen. Sicherlich unterscheiden sich die für Telemedizin benötigten Kompetenzen nicht grundsätzlich von denen anderer medizinisch-praktischer Kontexte, dennoch müssen die Kompetenzen für diesen Kontext neu angeordnet werden. Die Bundesärztekammer beschloss auf dem Deutschen Ärztetag 2010 Voraussetzungen für Ärzte in der Anwendung von Telemedizin:

  • Fachliche Kompetenz für die Anforderungen des jeweiligen telemedizinischen Verfahrens

  • Beherrschen der speziellen Anforderungen an die veränderte Kommunikation

  • Kenntnis des Leistungsspektrums sowie der technischen und inhaltlichen Grenzen

  • Beherrschen der technischen Komponenten

  • Kenntnis der (technischen) Abläufe sowie der Kommunikations- und Dokumentationsprotokolle

  • Kenntnis des Konsiliarius über die Fähigkeiten, die Ausstattung und die Arbeitsbedingungen des Anforderers im Rahmen eines Telekonsultationsverfahrens

Worauf ist in der Weiterbildung zu achten?

Damit es ÄiW nicht so ergeht wie Sabine im geschilderten Fallbeispiel, gilt es eine produktive Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden aufzubauen. Sie sollten sich als ein Team begreifen, das als oberstes Ziel hat, den AiW zu einem kompetenten Facharzt für Allgemeinmedizin zu entwickeln. Zwischenziele zu definieren ist dabei ebenso essenziell wie die Evaluation und Reflexion des individuellen Entwicklungsstands eines AiW. Hier eignen sich zur Unterstützung die Logbücher der Landesärztekammern oder das Kompetenzbasierte Curriculum Allgemeinmedizin.

In der Absprache zum Umgang miteinander können individuelle förderliche Faktoren (z.B. Lerntyp), aber auch Grenzen (z.B. Rollenkonflikte als Arbeitgeber/Lehrender) transparent gemacht werden. Es sollte eine gemeinsame Haltung für den kollegialen und professionellen Umgang miteinander gefunden werden. Dies beinhaltet auch, wie und in welcher Form kontextspezifische Rückmeldungen (Feedback) gegeben werden.

Tipps für besseres Feedback in der Weiterbildung

Sprechen Sie kurzfristig erreichbare Ziele ab, strukturieren Sie deren Inhalt und vereinbaren Sie dafür mögliche Beratungsanlässe. Vereinbaren Sie vorher, auf welche Aspekte in der Beobachtung ein Schwerpunkt gelegt werden soll. Planen Sie im Terminkalender Zeit für die Beobachtung ein, sodass diese Zeit zur Verfügung bleibt.

Üben Sie die Situation ggf. in einem geschützten Kontext. Eine Videokonsultation lässt sich z.B. einfach mit Angehörigen des Praxisteams oder Schauspielpatienten simulieren, was einer Überforderung vorbeugt.

Beachten Sie Besonderheiten verschiedener Situationen. Telemedizinische Konsultationen unterscheiden sich, je nach Kommunikationsform, von einer persönlichen Konsultation hinsichtlich der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen (z.B. nonverbale Kommunikation, fehlende körperliche Untersuchung). Die Herausforderung besteht also in der Fähigkeit, nonverbale Informationen in eine verbale Form überzuführen.

Besseres Feedback geben

In der Kommunikation von Rückmeldungen ist die Anwendung der 3 Ws hilfreich:

Wahrnehmung: Es wird die Beobachtung einer Situation geschildert, also eine wertungsfreie Darstellung des Beobachteten.

Wirkung: Dabei wird subjektiv geschildert, welche Empfindungen die Beobachtung auslöste. Also welche Aspekte eine positive Reaktion hervorgerufen haben, aber auch, was in der eigenen Interpretation kritisch bewertet wurde.

Wunsch: Durch einen Wunsch zur Verbesserung, aber auch zum Beibehalten einer beobachteten Fähigkeit wird eine Rückmeldung auf die nächste Beobachtungssituation ausgerichtet.

Beim Einsatz telemedizinischer Verfahren sind Verlauf und Ziel der Anwendung zudem stärker festgelegt. Die Möglichkeiten, auf abweichende Verläufe zu reagieren (z.B. Reaktion auf eine Komplikation, Abbruch der Übertragung aufgrund technischer Schwierigkeiten), sind eingeschränkt. Antizipieren und besprechen Sie diese vorher.

Überprüfen Sie im Vorfeld das Verständnis und die Kenntnis der Bedienung von technischen Anwendungen. Diskutieren Sie über die professionelle Verantwortung im Umgang mit patientenbezogenen Daten und reflektieren Sie (technische) Grenzen der Anwendungen.

Wo kann ich mir weitere Unterstützung holen?

Mit der flächendeckenden Einrichtung von Kompetenzzentren Weiterbildung Allgemeinmedizin2 in Deutschland wurde eine Struktur geschaffen, in der ÄiW durch Seminare (auch zur Digitalisierung) und ein Mentoringprogramm vorbereitet werden. Aber auch weiterbildungsbefugte Ärzte haben die Möglichkeit, in speziellen Train-the-Trainer-Fortbildungen ihre Rolle als Weiterbildende weiterzuentwickeln.

Literaturtipp
zum Thema: „Kompetenzbasiertes Curriculum Allgemeinmedizin: Eine Erfolgsgeschichte“

Autor
Prof. Dr. med. Marco Roos
Lehrstuhl Allgemeinmedizin Medizinische Fakultät der Universität Augsburg

Leiter Kompetenzzentrum Weiterbildung Allgemeinmedizin Bayern (KWAB)


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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