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20. Juli 2021

Kommunikation im Gesundheitswesen (KIM)

Ein Erstanwender berichtet

Ich wurde 1980 geboren und bin mit Computertechnologie groß geworden. Vom C64 mit Kassettenlaufwerk über die ersten textbasierten Internetanwendungen 1994 bis hin zu meiner ersten Internetseite 1998 habe ich mich stets für neue Technologien interessiert. In diesem Artikel möchte ich Sie an meinen Erfahrungen mit der Kommunikation im Medizinwesen (KIM) teilhaben lassen.

Prozesse im Praxisalltag habe ich nach Möglichkeit digital gelöst: Mit webbasierten Plattformen zur Kalenderverwaltung, Zeiterfassung, Aufgabenverwaltung und Patientenkommunikation habe ich gute Erfahrungen gemacht. Doch die Praxis leidet trotz aller Bemühungen an der Instabilität des Praxisverwaltungssystems (PVS), das auf einem zu alten Programmcode basiert.

Bill Gates stellte 1992 mit Windows 3.11 den Anwendern Multitasking und Drag & Drop zur Verfügung. Bis heute sind diese Basisfunktionen nicht in mein PVS implementiert.

Umso gespannter war ich, wie sich die ersten Telematikanwendungen schlagen würden. Diese wurden im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) und im Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) verbindlich beschlossen.

Unzeitgemäß, wenig funktional und langsam

Als ich zum ersten Mal davon gehört habe, hatte ich eine Art Messenger-Dienst vor Augen mit einem Verzeichnis aller Ärzte der Region. Ich fantasierte, wie der Arztbrief schon am Entlassungstag in meinem Postfach neben dem neuesten Endoskopiebefund auf mich warten würde.

Die Realität im Februar 2021 war leider ernüchternd: Zunächst handelt es sich um keinen Messenger-, sondern um einen simplen E-Mail-Dienst, der die Nachricht verschlüsselt, diese über die Telematikinfrastruktur versendet und beim Empfänger wieder entschlüsselt. Die Benutzeroberfläche ist auf dem Niveau der ersten E-Mail-Programme der 1990er-Jahre. Die Einbindung in alternative E-Mail-Programme ist nicht möglich.

Bei der Erstinstallation brach die Verbindung zum KV-Server zusammen und niemand wusste die halbfertige Installation so recht zu flicken. Das Postfach war bestens gefüllt mit 1.117 Fehlernachrichten, die sich stets neu aktualisierten.

Drei Monate und unzählige Arbeitsstunden später „läuft“ der Dienst mehr schlecht als recht. Die erste neue Nachricht des Tages braucht ca.20 Sekunden, bis man losschreiben kann – die nächsten gehen schneller. KIM-Adressen eines anderen Anbieters sind scheinbar (noch) inkompatibel mit meinem Account und können nicht angeschrieben werden. Darüber hinaus kenne ich keinen Kollegen in meinem Münchner Netzwerk, der den Dienst nutzt. Klinikärzte und Spezialisten haben meist noch nie davon gehört.

Ein Adressbuch ist nur rudimentär vorhanden, sodass im Normalfall die Adressen stets neu eingegeben werden müssen – die hierbei ausgelöste Hintergrundsuche zur Verifizierung der Adresse benötigt wiederum mehrere Sekunden, bevor man endlich losschreiben kann.

Der eArztbrief, der über KIM verschickt wird, bietet die Möglichkeit, Befunde aus dem PVS zu integrieren, benötigt aber bis zur Fertigstellung viel zu viele Klicks. Alternativ kann eine einfache, nicht formatierbare Nachricht versendet werden, die mit einer Datei ergänzt werden kann.

Mein Fazit: Trotz einiger Stolpersteine führt kein Weg an KIM vorbei

Trotz VDSL-Verbindung („Very High Speed Digital Subscriber Line“) im Herzen von München ist der Dienst viel zu langsam und dadurch nicht alltagstauglich. Zudem ist die Lösung unseres Softwarehauses nicht nutzerfreundlich.

Doch was ist die Alternative? Das Faxgerät wurde vom Datenschutzbeauftragten in Bremen bereits als nicht konform gebrandmarkt und arbeitet nach meinem Erleben ohnehin nicht mehr zuverlässig, was mit dem zunehmenden Umstieg auf IP-basierte Telefonanschlüsse zusammenhängen könnte.

Die Privatwirtschaft hält Lösungen bereit (z.B. Medflex), doch Spezialisten werden nicht dafür bezahlen, um mit Hausärzten besser zusammenzuarbeiten. Es braucht schnellstens eine Lösung, denn wenn uns das Fax genommen wird, bleibt nur der viel zu langsame Brief.

Für KIM selber gibt es keine verbindliche Anschaffungsfrist – diese kommt aber durch die Hintertür: Ab 1. Oktober 2021 sind alle Arztpraxen verpflichtet, die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) über die Telematikinfrastruktur (TI) an die Krankenkassen zu senden. Spätestens ab diesem Zeitpunkt benötigen alle Arztpraxen, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen, einen KIM-Dienst.

Vorhalten müssen wir Hausärzte den Dienst somit bald alle, doch wir profitieren nicht, wenn die Spezialisten und Krankenhäuser den Dienst nicht nutzen, die Postfächer nicht bearbeitet werden oder wir die Adressen gar nicht erst in Erfahrung bringen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) honoriert die Arbeit mit dem Dienst leider wieder nur im Cent-Bereich. Warum soll man sich das also antun?

Letzte Woche habe ich gezählt: Die Praxis hat mindestens 120 Minuten in Warteschleifen verbracht, um Befunde zu organisieren. Diese Zeitersparnis ist der Anreiz!

Ich glaube, mit so intensiven Wartungsarbeiten wie in meinem Fall muss man mittlerweile nicht mehr rechnen. Ich war Erstanwender. Die Softwarehäuser haben einiges gelernt und ich denke, eine funktionierende Erstinstallation stellt mittlerweile die Regel dar. Doch bis der Dienst einen Mehrwert im Alltag darstellt, gibt es noch einiges zu tun.

Niemand ist auf Kommunikation so angewiesen wie wir Hausärzte. Somit liegt es in unserem ureigensten Interesse, sich mit dem Dienst auseinanderzusetzen und von den anderen Teilnehmern im Gesundheitssystem einzufordern.

KIMt mit!

Autor:
Dr. med. Michael Josef Weier
Facharzt für Allgemeinmedizin,
Arzt für Notfallmedizin,
München

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