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2. April 2022

Podcasts für den hausärztlichen Alltag

Anschalten zum Abschalten

Als ich noch ein Kind war, gab es im Fernsehen nur die berühmten drei Programme, Lieblingslieder wurden mit dem Kassettenrekorder aufgenommen und Hörspiele von „Europa“ zauberten einen in eine andere Welt. Nun ist die Welt eine andere geworden. Heutzutage ist jederzeit alles im Internet abrufbar, 20:15 Uhr ist mittlerweile nicht mehr als nur eine Zeitangabe. Die Medienmöglichkeiten sind so erdrückend, dass man die „tausend Stäbe“ von Rilkes „Panther“-Gedicht vor Augen hat.

Angesichts des hektischen Alltags im Leben als Hausarzt – Patientenversorgung wie Praxisverwaltung – gibt es immer wieder Momente, da wünsche ich mir einfach nur Ruhe und Reizarmut. Zumeist ist da der ideale Moment der Freitagabend. Das Wochenende zum Runterkommen liegt noch vor einem, wie leider auch noch der große Haufen Papierkram, der während der Woche liegen geblieben ist: Anfragen von Versicherungen, Krankenkassen, Versorgungsamt, Befunde komplexerer Patientenfälle. Von DMP-Doku und Abrechnungsziffern prüfen möchte ich nicht schon wieder anfangen.

Und auch wenn ich die Stille des Abends genieße – gegebenenfalls mit guten Oldies aus den 1960ern – höre ich bisweilen ganz gern auch mal Podcasts, quasi „Anschalten zum Abschalten“. In den letzten zwei Jahren sind ja so manche intensiv gestartet mit dem einen Thema, besonders hervorzuheben ist da die Arbeit von DEGAM-Präsident Martin Scherer. Doch momentan möchte ich einfach mal nichts Neues wissen über „Corona“. Aber doch über hausärztlich relevante Themen hören, da Fortbildungen derzeit einfach zu kurz kommen.

Daher stelle ich hier vier meiner derzeitigen Favoriten vor. Ich bin an keinem beteiligt, und wer nun keine Werbung wünscht, möge bitte einfach weiterblättern im Heft.

Weiterbildungspodcast „Wege der Allgemeinmedizin“

„Wege der Allgemeinmedizin“ heißt der Podcast des Kompetenzzentrums Weiterbildung Hessen. Mitarbeiterinnen des Zentrums, darunter eine Ärztin in Weiterbildung und eine Fachärztin für Allgemeinmedizin, interviewen in einer Gruppenunterhaltung Gäste aus der Allgemeinmedizin und sprechen über deren individuellen Weg in die allgemeinärztliche Tätigkeit mit allen Hürden und Freuden. Bemerkenswert sind dabei die Momente, wenn nicht nur der Gast seine Geschichte erzählt, sondern auch die Gastgeberinnen ihre Erfahrungen dazu teilen; online wurden einzelne Folgen bereits jeweils kurz vorgestellt ( Praxis, Wissenschaft und Politik ): www.kwhessen.de/podcast.html

Praxisalltag und wissenschaftliche Erkenntnisse

Einen gesunden Austausch gibt es auch im zweiten Podcast, „Studienlage“, gegründet von Jana Husemann und Ilja Karl sowie zeitweise begleitet von Thomas Kötter – allesamt tätig in hausärztlicher Niederlassung. Sie verbinden in ihrem Podcast Praxisalltag und wissenschaftliche Erkenntnisse in unterhaltsamer Art. Kurz angerissene Themen, wie zur Effektivität der Lungenauskultation oder ob eine Erkältung etwas mit Kälte zu tun hat, wechseln sich mit ausführlich besprochenen Themen ab, wie beispielsweise der genialen Diskussion mit dem Landarzt Stephan Fuchs über die Versorgung chronischer Wunden. Mit trockenem Humor werden so selbst die trockensten Statistiken und Studien schmackhaft gemacht: https://studienlage.letscast.fm/

Besonders in der Pandemie relevant: Podcast zu psychischen Erkrakungen

In meinem hausärztlichen Praxisalltag spielen die seelischen Erkrankungen eine große Rolle – und noch viel mehr seit der „Corona“-Pandemie. Immer wieder höre ich daher in den Podcast „Psychcast“ rein – moderiert von dem Psychiater Jan Dreher und dem Psychosomatiker Alexander Kugelstadt. Sie haben ein gutes Händchen in der Auswahl bodenständiger Interviewgäste mit viel Praxisnähe. Wichtige Details zu Psychopharmaka, so vermittelt, dass es nicht langweilig wird, hilfreiche Techniken des Gesprächs mit Patienten in psychiatrischen Situationen oder Interviews zum Berufsalltag wie das mit einer Suchtmedizinerin sind nur einige Themenbeispiele. Dabei gehen die beiden Moderatoren so sehr in die Tiefe, dass der Podcast nicht nur für das breite Laienpublikum, sondern eindeutig für Menschen in Gesundheitsberufen gemacht scheint: https://psychcast.de/

SPIEGEL-Podcast: Einblicke ins Berufsleben

Eine der häufigsten Fragen, die ich meinen Patienten stelle, ist die nach dem Beruf. Wenn ich weiß, was die Menschen mehrere Stunden am Tage schaffen, kann ich Symptome und Therapie optimal anpassen. So schätze ich ungemein den SPIEGEL-Podcast „Und was machst du?“ Darin wird jedes Mal ein neuer Gast zu seinem Berufsalltag interviewt. Das Spektrum reicht von der Barkeeperin über den Bürgermeister, die Palliativpflegerin oder die Stuntfrau bis zum Buchhändler und zum Headhunter. Unterschiedlichste Berufe werden ganz unspektakulär mit allen Facetten beschrieben, als würde man die Interviewgäste ein paar Tage bei ihrer Arbeit begleiten. Das ist nicht nur unterhaltsam, sondern bringt mich als Hausarzt meinen Patienten näher, weil ich so teilweise besser einordnen kann, was sie bewegt: www.spiegel.de/thema/podcast_und_was_machst_du

Autor:
Dr. med. Torben Brückner
Facharzt für Allgemeinmedizin, Chirotherapie, Palliativmedizin, Notfallmedizin,
Schwalbach am Taunus


Bisher erschienen

Sämtliche Beiträge der Serie „Praxisblick“ von ­­Dr. med. ­Torben ­Brückner:
www.allgemeinarzt.digital/praxisalltag/praxisblick


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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