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13. Juni 2022

Hausärztliche Gedanken zu den Digitalen Gesundheitsanwendungen

Apps für alles – auf Rezept?

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen. Zumeist baue ich an Letzteren so gut es geht mit. Doch bisweilen kommen mir Zweifel, ob die moderne Welt Besserung bereithält – aktuell in Form der DiGA, den Digitalen Gesundheitsanwendungen.

Letztens waren wir mit unseren Kindern im Hessenpark – ein großes Freilichtmuseum mit zahlreichen Ausstellungsstücken der vergangenen Jahrhunderte und Jahrzehnte. Dabei standen sie auch in einem engen Kasten. Ich erklärte ihnen, was eine Telefonzelle ist, und brachte ihnen bei, wie man eine Wählscheibe bediente. Dass man früher immer nur möglichst wenig Geld in die Maschine steckte und erst beim bedrohlichen Alarmton während des Gesprächs Münzen nachschob, erzählte ich ihnen lieber nicht – man muss die junge Generation ja nicht mit allen alten Verrücktheiten verwirren.

Smartphones und Apps – beständige Begleiter im modernen (Praxis-)Alltag

Ein paar Fotos machte ich dabei mit meinem Smartphone von ihnen in der Telefonzelle mit dem Hörer in der Hand, so wie ich es auf den Hausbesuchen mache von besonderen Hautbefunden oder Medikamentenplänen vor Ort. Es ist das Alltagsgerät dieser Zeit geworden: Statt auf einen Zettel Erinnerungen zu schreiben, diktiere ich meine Notizen in die Aufnahme-App. Sehr oft suche ich rasch nach Dosierungen und Nebenwirkungen von Medikamenten in der Medikamenten-App statt im Kitteltaschenbuch, das Pharmareferenten sonst früher zu meinen Klinikzeiten verteilten. Den Weg zu den Patienten suche ich natürlich nicht mehr mittels papierner Faltkarte oder altem Navigationsgerät, es geht mit der Karten-App meines Smartphones einfach schneller. Dutzende Medizin-E-Books sind ebenso in der Buch-App gespeichert, um Fachwissen nachzuschlagen oder mal etwas in einer kurzen Pause nachzulesen.

Apps gibt es mittlerweile für alles, nicht nur, um zu erfahren, wo man gerade am günstigsten tanken kann oder ob der Kühlschrank leer ist. Die uns sagen, wie viele Schritte wir täglich gelaufen sind, oder mit denen wir abends das Licht auf dem Flur ausschalten können, ohne noch einmal aus dem Bett aufstehen zu müssen (alle vier benutze ich nicht). Und natürlich sind nicht mehr jene Apps wegzudenken, mit denen der Impfstatus nachweisbar ist – wer hätte das vor nur etwas mehr als zwei Jahren mal gedacht?

Sind die DiGA unverzichtbare Apps?

Doch mit aller Kraft drängen nun noch die DiGA auf die Smartphones unserer Patientinnen und Patienten, was mich sehr nachdenklich macht. App auf Rezept – es reimt sich so schön. Hilfreich oder alles nur schöner Schein? Apps für psychische Probleme, Schmerzen, chronische Krankheiten wie Diabetes – mit individuellen Informationen, Erinnerung an Medikamenteneinnahmen und vielem mehr.

Mein größtes Problem ist die derzeitige Unübersichtlichkeit, letztlich müsste man sich ja etwas eingehender mit den Programmen beschäftigen. Natürlich nicht bis zum letzten Detail. Ich nehme schließlich auch nicht alle Pillen ein, die ich meinen Patientinnen und Patienten verschreibe. Aber ich bekomme durch Fachinformationen und Pharmakologie-Artikel zumindest einen raschen Überblick. Bei den DiGA besteht immerhin die Möglichkeit, als Verschreiber einen individuellen Testzugang zu beantragen, dafür muss ich aber meine Daten preisgeben und Zeit investieren. Das ist für mich nicht hinnehmbar. Vom Datenschutz gegenüber den sensiblen Daten der Patientinnen und Patienten möchte ich jetzt gar nicht erst anfangen. Es würde sonst das ganze Heft füllen.

DiGA kosten Geld, das an anderen Stellen gespart werden muss

Anfangen muss ich bei einem ganz anderen Thema. Als ich die Kosten für die DiGA recherchierte, fiel ich wirklich vom Stuhl. Die Kosten für den Zugang für zumeist ein Quartal beliefen sich auf mehrere Hundert Euro. Viel Geld! Natürlich sind Pillen oder Heilmittel auch nicht günstig – aber das Geld wird irgendwo herkommen müssen. Gespart wird dann an den Orten bzw. Behandlungen, die die Apps in Zukunft ersetzen sollen, beispielsweise bei Psychotherapeuten. Aber können sie diese wirklich ganz ersetzen? Natürlich nicht, allerdings ist die Gefahr, dass dieser Weg beschritten wird, meines Erachtens groß. Mit Schaudern erinnere ich mich an eine Aussage von vor knapp 10 Jahren von Josef Hecken, Vorsitzender im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), also in dem Gremium, in dem verhandelt wird, welche Therapien für gesetzlich Versicherte übernommen werden sollen. Hecken meinte laut Protokoll, dass nicht jeder einen Psychotherapeuten brauche, eine Flasche Bier tue es manchmal auch …

Ein Schlag ins Gesicht für alle Menschen mit seelischen Problemen: Bagatellisierung. Und dann auch noch ein Fauxpas bezüglich Suchtgefahr, die laxe Empfehlung, Probleme mit Alkohol zu lösen. Gemeint war vielleicht ein gemütliches Gespräch über die eigenen Probleme – unter Freunden und mit einer Flasche in der Hand. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn Menschen, die nichts mit der praktischen Tätigkeit im Medizinbetrieb am Hut haben, die Entscheidung treffen über eben jenen Medizinbetrieb.

Ist noch mehr Zeit am Smartphone der richtige Weg zur Gesundung?

Es bleibt auch fraglich, ob es für die Patienten dienlich ist, stetig mit dem Smartphone in der Hand und den Augen auf dem Bildschirm Therapien durchzuführen, wenn die Welt dort draußen auf einen wartet: Rausgehen, Sport, Kommunikation mit anderen Menschen. Es bleibt abzuwarten, ob die DiGA unsere Patientinnen und Patienten weiterbringen werden.

Diagnostik-Apps sind schließlich auch drauf und dran, uns Hausärztinnen und Hausärzte ersetzen zu wollen, wir werden sehen. Derzeit sind wir aber weiterhin hochgefragt, um das Chaos der Tausend Fragezeichen in den Köpfen unserer Patientinnen und Patienten zu sortieren, was allein schon Dr. Google produziert. Einfühlsamkeit, Bauchgefühl, erlebte Anamnese, Vertrauen – Apps müssen noch einiges lernen. Wir werden mit ihnen leben müssen, doch derzeit kommt bei mir keine Begeisterung auf.

Vielleicht bin ich aber auch einfach zu alt und gehöre in ein Museum – gegebenenfalls im Hessenpark. Wobei am Ende erfreuten unsere Kinder dort eher ein Haufen wilder Hühner und die zwei ruhigen Esel, die im Gras weideten. Die junge Generation … mal schauen – Zukunft später.

Autor
Dr. med. Torben Brückner
Facharzt für Allgemeinmedizin, Chirotherapie, Palliativmedizin, Notfallmedizin,
Schwalbach am Taunus


Bisher erschienen

Sämtliche Beiträge der Serie „Praxisblick“ von Dr. med. Torben ­Brückner:
www.allgemeinarzt.digital/praxisalltag/praxisblick


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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