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30. August 2022

Wichtig für alle Patienten von der Wiege bis zur Bahre

Familienmedizin – mehr als nur ein Wort!

In Kürze: DEGAM. Ausführlich: Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Über Familienmedizin wollte ich schon immer mal schreiben. Ein überschaubares Thema, dachte ich. Wie sehr ich mich doch irrte! Hier mein Versuch einer Einführung.

Familienmedizin – was ist das? Auf der Suche nach einer Antwort begann ich zu recherchieren. Schließlich klingt das Wort allein ja schon schön romantisch. Weit weg von der Kälte der heutigen technokratischen Welt. Stichwörter wie „ganzheitlich“ oder „biopsychosozial“ stehen gern daneben.

Letztlich suche ich den Begriff in der Titelsuche von wissenschaftlichen Artikeln bei deutschsprachigen Journalen. So ist beim Deutschen Ärzteblatt online nur eine Handvoll zu finden. Bei der ZfA (wohlgemerkt geht die online-Suchfunktion nur einige Jahre zurück) schon eine weitere Handvoll mehr. Besonders verdient haben sich da von schreibender allgemeinärztlicher Seite früher Hans Hamm und Eckart Sturm und in den letzten Jahren Vera Kalitzkus und Stephan Wilm gemacht, die immer wieder versuchen, das Thema am Leben zu erhalten. Dort finde ich auch Definitionen, die versuchen exakt zu umschreiben, was Familienmedizin eigentlich ist. Geht das mit einem Satz, einem Absatz? Zumeist sind es Auflistungen vieler Stichpunkte. Oder doch bildhafte Vergleiche: „als ob im Sprechzimmer nicht nur Ärztin bzw. Arzt und Patient sitzen, sondern auch die Familie im Geiste dabei ist.“ Aus dem dyadischen System wird ein triadisches System. Oder gern heißt es auch sinngemäß: „Wer nicht nur die Erkrankung, sondern auch den Patienten in seinem Umfeld berücksichtigt und behandelt, der handelt familienmedizinisch.“

Viel mehr als nur die Erkrankung

Und in der Tat. Natürlich behandeln wir nicht nur die Erkrankungen und den Patienten dazu. Wir wissen zumeist von seiner Arbeit – spätestens wenn es um das Ausstellen der AU geht. Vielleicht auch von Kummer in der Familie, Geldsorgen, Alkoholproblemen. Ein großer Vorteil ist, wenn Lebensgefährtin oder –gefährte, Eltern oder sogar Kinder ebenfalls bei uns in Behandlung sind. Dann gewinnt das alles an Dynamik. Wenn ein älter Herr nun die Fassade seiner Demenz nicht mehr aufrecht erhalten kann, die Ehefrau überlastet ist und bei uns mit Erschöpfung und „Herzschmerzen“ kommt, müssen wir sie nicht gleich zum Kardiologen schicken. Und dann dauert es nicht lang, bis die erwachsenen Kinder auch bei uns aufschlagen. Sei es, um zu besprechen wie es weitergeht, oder weil der Stress zermürbt und die Arbeit in der Firma derzeit nicht gut läuft. Noch ein wenig später kommt vielleicht eines der Enkelkinder schon zum dritten Mal, wegen Kopfschmerzen und Schulbescheinigung für einen Tag. Wir erfahren von allen einzelne Puzzleteile, manche passen gleich zusammen, manche ergeben später einen Sinn. Doch das ganze Bild erhalten wir zumeist nie.

Vera Kalitzkus hatte in einer ihrer Studien erfahrene Hausärztinnen und Hausärzte interviewt. Heinz-Harald Abholz und Frank H. Mader gaben dabei zu bedenken, dass wir doch viel weniger über unsere Patienten und das Umfeld wissen, als wir zumeist meinen.

Zumeist geht es ja auch oft um psychische Probleme, so dass sich auch Psychiaterinnen und Psychotherapeuten vermehrt mit Familie im allgemeinen und Familientherapie im speziellen beschäftigen. Passend zu Balints Buch „Der Arzt, sein Patient und die Krankheit“, betitelte Manfred Cierpka sein lesenswertes Werk: „Arzt, Patient und Familie“.

Viel Mühe machte sich der niederländische Allgemeinarzt Frans Huygen und beschrieb in seinem Buch „Familienmedizin“ zahlreiche Kasuistiken zu Patienten und deren Umfeld bis ins kleinste Detail. Er beschrieb auch in der Einleitung seine Not, wie er als Dozent an der Universität von anderen Professionen angegangen wurde, ja nicht Themen aus ihrem Fachgebiet anzusprechen, so „gehörten“ beispielsweise die „Masern“ den Pädiatern und „das Soziale“ den Sozialmedizinern.

Konfliktherd Familienmedizin

Wem gehört also die Familienmedizin?

Und wohin? Die DEGAM nahm sie in ihren Titel mit auf. Die Gesellschaften der Pädiatrie fanden das gar nicht gut: Machen sie denn nicht auch Familienmedizin? Zwar behandeln sie „nur“ die Kinder, aber natürlich sind Eltern und Großeltern mehr als nur dabei im Behandlungszimmer. Sie werden zugegeben nicht direkt behandelt, doch den Kummer kennen auch die pädiatrischen Kolleginnen und Kollegen. Und auf der anderen Seite wiederum gibt es zahlreiche Hausärztinnen und Hausärzte, die keine Kinder behandeln – aus Sorge, etwas falsch zu machen, oder weil „die alten Patienten“ schon genug Arbeit machen.

Letztlich muss man jedoch auch sagen: Kinder sind keinen kleinen Erwachsenen, sie sind aber auch keine fremden Wesen vom anderen Ende der Milchstraße. Vielleicht habe ich da einen besonderen Blickwinkel: Schließlich absolvierte ich einen Teil meiner Weiterbildung zum Allgemeinarzt in einer pädiatrischen Praxis. Just in der gleichen Stadt, in der ich nun hausärztlich praktiziere und Menschen jeden Alters behandle. Bisweilen betreue ich nun die Kinder von damals als Jugendliche, oder habe ihre Eltern nun in meiner Kartei und weiß so manches Problem von früher jetzt sehr gut einzuschätzen. Manche Probleme wachsen sich aus, manche Probleme aber bleiben lange Zeit und wollen nicht weichen.

Familienmedizin als wichtige Ergänzung

Um die Familienmedizin in der Allgemeinmedizin zu stärken, geht es nicht darum, den Pädiatern nun die Patienten wegzuschnappen, sondern zu ergänzen. Auf dem Lande ist es mangels Kinderärztinnen und -ärzten sowieso schon Realität, dass die Versorgung von der Wiege bis zur Bahre hauptsächlich allgemeinärztlich verläuft. In der Stadt wiederum ist vieles anders versorgt. Doch selbst die Allgemeinpädiater kommen bei den Spezialisten teils unter die Räder. Für andauernden Husten brauchts einen Kinderpneumologen und die Füße müssten mal zum Kinderorthopäden. Bezeichnend, dass Pädiater letztere Zusatzbezeichnung teils gar nicht erwerben können, sondern nur Orthopäden und Kinderchirurgen.

Interessanterweise schrieb auch der im 19. und 20. Jahrhundert tätige Kinderarzt Adalbert Czerny in seinem Buch „Die Pädiatrie meiner Zeit“ von 1939: „Die Kinderheilkunde ist innere Medizin, begrenzt auf den Menschen vom Tage der Geburt bis zur Pubertät. Strittiges Grenzgebiet blieb nur das Pubertätsalter. Die Folge davon ist, dass weder die Pädiater noch die Internisten auf diesem Gebiete Bemerkenswertes geleistet haben.“

Natürlich hat sich seitdem einiges geändert.

Letztlich geht es doch darum, Kompetenzen zu steigern bei der Behandlung unserer Patienten. Seien es nun die, die noch in der Wiege liegen, oder jene, die die Bahre schon erwarten. Und dazu gehört natürlich das Umfeld. Allgemeinärztliche Tätigkeit haben wir gelernt, zur Verbesserung familienmedizinischer Tätigkeit gehören aber ebenso stetige Fort- und Weiterbildung auf Kongressen und in Seminaren. Ehrenamtliches Engagement, wie beispielsweise das des Arbeitskreises hausärztliche Pädiatrie in der DEGAM, genauso wie wissenschaftliche Artikel zur Familienmedizin gehören gefördert.

Autor:
Dr. med. Torben Brückner
Facharzt für Allgemeinmedizin, Chirotherapie, Palliativmedizin, Notfallmedizin,
Schwalbach am Taunus

Sämtliche Beiträge der Serie „Praxisblick“ von ­­Dr. med. ­Torben ­Brückner: HIER

Dr. med. Torben Brückner

Dr. med. Torben Brückner


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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