© Torben Brückner

16. November 2022

Wiedersehen bei der practica in Bad Orb

Hausärztliche Fortbildung (er)leben

Achtung, dieser Artikel entspricht einer Dauerwerbesendung mit Interessenskonflikten. Weiterlesen also auf eigene Gefahr. Ich werde mit diesen Zeilen nämlich beeinflussen wollen. Und zwar pro hausärztliche Fortbildung durch hausärztliche Organisatoren und das auch noch an einem schönen Ort. Schlauer werden und durch etwas Erholung die eigenen Kräfte sammeln – was könnte es Besseres dafür geben als die practica in Bad Orb?

Ende Oktober 2022 fand – mittlerweile bereits zum 47. Mal! – die practica im beschaulichen Kurort Bad Orb im hessischen Spessart statt. Gegründet vor beinahe einem halben Jahrhundert von Hausarzt Frank H. Mader, der zugleich auch die Zeitschrift „Der Allgemeinarzt“ entwarf und bis heute deren Herausgeber ist.Über 800 Ärztinnen und Ärzte, MFA und auch PJ-Studierende konnten aus zahlreichen Workshops und Vorträgen von Mittwoch bis Samstag wählen. Diesmal nicht nur als Präsenzveranstaltung sondern auch im Hybrid-Format: ausgewählte Beiträge wurden per Video übertragen, so dass Daheimgebliebene ebenso Neues lernen konnten. Verständlich bei zahlreichen beruflichen und privaten Verpflichtungen unserer Zunft und gegebenenfalls den Hürden weiterer Anreise.

Wobei,den Geist von Bad Orb kann man eigentlich nur vor Ort erleben. Die gute Luft, die entspannte Ruhebisweilen. Ein Gang durchs Gradierwerk oder die Baumallee am Tagungshotel. Das lässt die Anstrengungen der letzten Monate – wie Telematik- und„Corona“-Stress oder eingeschränkte Versorgungsstrukturen – etwas vergessen.

Von „Mein Fall“ bis zur Fortbildung im Team

Mein Interessenskonflikt: Als Referent war ich auch in diesem Jahr dort tätig, doch das ist so schön, dass ich sogar dafür bezahlen würde (bitte nicht an die Organisatoren weitersagen). Ich hatte das Glück, zusammen mit Erika Baum, ehemalige DEGAM-Präsidentin und zusammen mit Sandra Blumenthal wissenschaftliche Leiterin der pracitca,erneut das Format „Mein Fall“ zu moderieren, in dem zahlreiche Kolleginnen und Kollegen von ihren Erlebnissen der letzten Zeit bei der Patientenversorgung berichten: Fallgeschichten, die zu Herzen gingen, und die tägliche Herausforderung zeigten, den abwendbar gefährlichen Verlauf nicht zu verpassen. Auch Schwierigkeiten der Kommunikation mit Krankenhaus und Spezialisten wurden angesprochen. Zudem machte ich die schöne Erfahrung, als Referent ein Seminar als Teamfortbildunghalten zu dürfen, also Ärztinnen, Ärzte und MFA zusammen – hochinteressiert, motiviert, informiert.

Einfach mal zuhören – und lernen

Und ich durfte auch zuhören, beispielweise beim genialen Hausarzt Stephan Fuchs – der seinen Nachnamen in allen Ehren trägt. Wahrlich ein Spezialist der Wundversorgung und -auflagen. So antwortete er einer Kollegin, die frustriert war vom Kampf mitdem Verordnungsdruck und der Meinung von Pflegekräften und sogenannten Wundexperten: „Wir werden gewinnen!“ Immer wieder muss betont werden, welche unterschiedlichen Preise es für Wundauflagen gibt, und dass die teuren nicht besser sind. Und so langsam weiß vermutlich jeder, dass Schaumverband meist schon einmal die halbe Miete ist, aber durch das Detailwissen lohnt sich dieser Kurs ein jedes Mal neu.

Leider konnte ich bei dem vollen Angebot nicht alle tollen Kursebesuchen. Nur um mal beispielhaft einige weitere zu nennen: Sandra Blumenthal und Tobias Samusch, die über psychotherapeutische Techniken sprechen und aus Büchern zitieren wie: „Fragen können wie Küsse schmecken“. Den Kurs muss ich nächstes Jahr besuchen. Christoph Seeber zeigte Grundgriffe der Chirotherapie und brachte einem die körperliche Untersuchung des Bewegungsapparates so schön bei, dass man den Kurs auch besuchen sollte, wenn man nicht manuell therapieren möchte. Alles über die Versorgung von Kindern ist in den vielen Kursen bei Lisa Degener – Meisterin der hausärztlichen Pädiatrie – zu lernen. Viele praxisnahe Kurse unterschiedlichster Art von den Allroundern Carsten Köber („Ich will auf keinen Fall in die Klinik“, „Präoperative Untersuchung“), Reto Schwenke („Der Hausarzt, der beste Orthopäde“) und Armin Wunder im Team mit Kolleginnen („KHK und Diabetes im interkulturellen Kontext“, „Die nachhaltige Praxis“). Es gibt so viele, die ich noch erwähnen könnte, aber im nächsten Jahr hole ich es nach.

Updates, auch abseits von „Corona“

Generell gab es viele „Update“-Kurse und glücklicherweise nicht nur zum Thema COVID-19. Vergessen darf ich dabei nicht die Werkzeugkasten-Seminare – Fortbildungen, um sicher in Praxisorganisation und vertragsärztlicher Tätigkeit zu werden. Mittlerweile in nicht mehr zählbarer Menge. Es reicht ja schon die Urversion im Titel zu nennen: Freude mit Formularen – das sagt eigentlich alles.

Aber ich darf auch mal Fortbildung von Spezialisten lobend erwähnen, wie beispielsweise dieses Jahr zu dem Thema „EMAH –Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern“. Zwar wirkten die anwesenden Referenten zunächst etwas enttäuscht aufgrund der kleinen Anzahl von Zuhörern im großen Festsaal, tauten aber dann doch rasch auf, als sie merkten, dass großes Interesse bei den Hausärztinnen und Hausärzten bestand.und relevante Nachfragenkamen. So sprach Prof. Harald Kaemmerer, leitender Oberarzt am Deutschen Herzzentrum in München, auch über die Leitlinie zur Endokarditisprophylaxe und tat dabei auch seine eigene Meinung und Vorgehen dazu kund. Auch Kardiologen können also leitlinienkritisch sein…

Bauchentscheidungen

Ein Seminar hatte ich letztes Jahr besucht von dem Hausarzt Johannes Hauswaldt – ganz simpel und schön: Bauchentscheidungen als wesentlichem Teil ärztlich-professioneller Entscheidungsfindungen. Jedenfalls mein Bauch, mein Kopf, mein Herz haben sich entschieden, nächstes Jahr wieder zur practica zu kommen. Und so darf ich schließen mit einem Zitat von Frank H. Mader zur langjährigen Veranstaltungsorganisation, da die Planung und Durchführung des Kongresses eine unbeschreibliche Arbeit ist: „Einmal im Jahr ist practica, vom 1.1. bis 31.12“.

See you next year, und sorry, für die Werbung. Die gesammelte Kraft reicht hoffentlich zumindest über den Winter. Danach motiviert dann die Vorfreude auf den Oktober 2023.

Autor
Dr. med. Torben Brückner
Facharzt für Allgemeinmedizin, Chirotherapie, Palliativmedizin, Notfallmedizin,
Schwalbach am Taunus


Bisher erschienen

Sämtliche Beiträge der Serie „Praxisblick“ von Dr. med. Torben Brückner finden Sie online .


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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