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11. Januar 2023

Ewiger Error

Leid ohne Freud mit dem Konnektor

Seit ein paar Jahren steht in unserer Praxis ein schicker Elektrokasten, ungefähr so klein wie zwei Taschenbücher. Mit großem Aufwand wurde er damals angeschlossen. Statt Nutzen hat er mir jedoch viel Kummer eingebracht, weil das System immer wieder gestört war. Nun musste der Kasten aus Altersgründen auch noch ausgetauscht werden. Größter Unterschied zum Vorgängermodell: Das Ding ist etwas kleiner geworden.

Ich bin groß geworden zu einer Zeit, als es im Fernsehen nur drei Programme gab und die heimischen Computer in den Kinderschuhen steckten. Telefonzellen benutzte ich, wie auch Handys mit aufgesteckter Antenne. Ich kenne also noch die „gute alte Zeit“ und den Beginn des technischen Wandels. In den 90ern gab es den ersten Pay-TV-Kanal – das sogenannte „Premiere“. Dieser Sender zeigte die neusten und tollsten Filme (sogar ohne Werbung) – wofür er immer viel Werbung machen musste – vermutlich, weil die Abo-Zahlen zu schlecht waren. Zum Empfang brauchte es einen Receiver – einen schicken Elektrokasten – ungefähr so groß wie ein Lehrbuch für Innere Medizin. Wir hatten diesen ganzen Kram nie zuhause und begnügten uns weiter mit drei Programmen plus zwei „Privaten“ mit Schneegestöber über ein anderes Kabel. Will man heute etwas gucken, gibt es noch Fernseher oder das Internet – YouTube oder eben Streamingplattformen zum Bezahlen. Man loggt sich ein auf einer Internetseite – ein Passwort genügt dazu – und alles funktioniert einfach so. Ist es sicher? Vielleicht nicht, aber es funktioniert. Und klar darf man das Streamen einer Serie nicht vergleichen mit der Arbeit in einer ärztlichen Praxis bei der Übertragung von sensiblen Daten, Rezepten oder Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen.

Von Anfang an stand auf der Anzeige „Error“

Da braucht es natürlich Sicherheit und daher etwas mehr Technik. Aber leider stehen die dafür entwickelten Geräte nur da wie Dinge, die im Weg stehen. Die halten auf, und wenn die Technik nicht funktioniert, ist es auch noch großer Mist. Am meisten hatte mich von Anfang an irritiert, dass auf der Anzeige des Konnektors immer „Error“ stand – und alle dafür zuständigen Personen mir auf Nachfrage mitteilten, dass dies normal sei. Ein wenig fühlte ich mich wie meine Patienten, die Ausrufezeichen in ihren Laborwerteausdrucken entdeckten und fragten, ob das so sein dürfe.

Nun gab es noch einen weiteren Stolperstein: Diese Konnektoren – die mich mit der Außenwelt verbinden sollten, immer wieder Störungen präsentierten und immer wieder neue Updates brauchen – haben nur eine begrenzte Lebensdauer von fünf Jahren. Punkt. Dabei wurde nicht gerade an die große Glocke gehängt, dass für das Ablaufdatum nicht der Moment gilt, an dem das Ding das erste Mal in der Praxis eingeschaltet wird, sondern das Datum der Produktion. So dass wir unseren „ollen Kasten“ nun schon nach vier Jahren wechseln mussten.

Müll produzieren und Geld verschwenden? Konnektor tauschen!

Und warum der ganze Apparat ausgetauscht werden muss, weiß ich nach all den Artikeln zum Thema immer noch nicht. IT´ler und Techniker von Fachmagazinen haben letztlich sogar nachgewiesen, dass ein einfacher Austausch im Gerät selbst ausreichen würde. Akzeptiert wurde es letztlich von offiziellen Stellen nicht. Lieber alles austauschen, einen riesigen Müllberg produzieren und möglichst viel Geld dabei verpulvern. Alles andere wäre zum Zeitgeist irgendwie anachronistisch. Pardon, der letzte Satz war reine Ironie – bittersüß. Besonders wenn man bedenkt, wie viele Kinderkrankenhäuser stattdessen Finanzspritzen hätten erhalten können. Die anderen Ressourcen wie Techniker vor Ort oder den Zeitaufwand der Praxen will ich lieber gar nicht erst erwähnen. Neben einem neuen Konnektor musste ich dazu auch noch eine neue Praxis-Chipkarte für unser Hauptkartenlesegerät bestellen, auf schön: „SMC-B für das E-Health-Kartenterminal“. Was auch wieder Kosten im dreistelligen Bereich verursachte.

Schließlich rief ich beim Anbieter meiner Praxisverwaltungssoftware an, um einen Servicetermin zum Wechsel vor Ort auszumachen. „Moment“, sagte der Mensch am anderen Ende der Leitung, „das ist gar nicht so einfach. Wir müssen erst einmal schauen, wer zuständig ist.“ Aufgrund der hohen Nachfrage seien nämlich Subunternehmen beauftragt worden. Nach einiger Suchzeit im System fand er unsere Praxis dann doch und gab einen zeitigen Termin – immerhin.

Der Austausch fand schließlich an einem Donnerstagmittag statt. Zum Glück kam ein Techniker, der schon einmal bei uns einen Teil der Computeranlage eingerichtet hatte und damals sein Geschick und Können bewiesen hatte. Das beruhigt ungemein. Der Techniker brachte dann noch zwei weitere Chipkarten mit für beide Kartenlesegeräte an der Anmeldung, die ebenfalls eingesetzt werden mussten. Die zwei anderen Kartenlesegeräte in unseren Sprechzimmern waren noch neueren Datums und würden daher noch keine aktuellen Chipkarten benötigen – noch nicht. Himmel, wer sich das alles ausgedacht hat, muss zu viele James-Bond-Filme angesehen haben.

Letztlich stöpselte der Techniker das alte Gerät ab und stellte ein neues rein. Großer Unterschied: Es war kleiner als sein Vorgänger, nun nur etwa von den Ausmaßen wie eineinhalb Taschenbücher. Vermutlich werden die Dinger in fünf Jahren dann noch kleiner werden – vielleicht irgendwann so klein, dass sie ganz verschwinden. Aber eine Sache blieb gleich: Auf dem Display leuchtete wieder die altvertraute Inschrift „Error“ auf. Ewiger Error. Auf Nachfrage erklärte mir der Techniker, dass es normal sei, weil es zwei Kommunikationswege gebe und das Gerät nach beiden wohl suche, aber nur einer eingeschaltet sei – wenn ich das richtig verstanden habe. Immerhin, dieses Rätsel wäre damit dann auch gelöst. Am Ende funktionierte alles irgendwie. Nichts war schneller geworden, aber auch immerhin nichts langsamer – bis auf den Moment, in dem sich das hochgefahrene Praxisverwaltungsprogramm mit dem Konnektor verbinden will. Gefühlt doch ein paar Sekunden länger benötigend als früher. Leider hatte ich damals nicht die Stoppuhr mal eingeschaltet, um nun zu vergleichen.

Der Wechsel ging sonst überraschend glatt vonstatten, wenige Tage später folgte die Rechnung. Warum die Hersteller mit der KV nicht einfach direkt abrechnen können, sondern die Praxisleute erstmal das Geld vorstrecken sollen, wissen nur Juristen – oder nicht einmal die. Ich vermutete, die Erstattung würde mit der Abrechnung laufen, so wie bei vorherigen Malen – aber Infos dazu fand ich bisher nicht. Ich rief also die Hotline der KV an – dabei muss ich loben –, die sich wirklich Mühe geben, stets zu helfen. Als ich danach fragte, wie ich den Konnektorwechsel nun geltend machen sollte, druckste der nette Mitarbeiter am Telefon dann aber doch etwas herum, dass es noch nicht so ganz beschlossen sei, wie es laufe, vermutlich wieder eine Pseudoziffer. Es sei aber derzeit noch nicht so klar – drei Wochen vor Quartalsende wohlgemerkt …

Immerhin, alles funktionierte ebenso am Folgetag, dem Freitag. Am Samstag veranstalteten wir unsere Praxisweihnachtsfeier, gut für die Moral im Hinblick auf die kommenden anstrengenden Wochen in der Winterzeit. Praxisorganisatorische Aufgaben ließ ich denn auch mal am Sonntag liegen und loggte mich nicht mehr ins System ein. Gut erholt stand ich am Montagmorgen auf und las die SMS einer Praxismitarbeiterin: Die Verbindung zur Praxissoftware gehe nicht. Ich schrieb zurück, man könne noch mal den Server neu starten – „ein Reboot tut immer gut“. Ich armer Tor, da ahnte ich noch nicht die gesamte Katastrophe, die auf uns zukam und mit dem Konnektor gar nichts zu tun hatte – aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Literaturtipp
zum Thema Konnektortausch

Autor
Dr. med. Torben Brückner
Facharzt für Allgemeinmedizin, Chirotherapie, Palliativmedizin, Notfallmedizin,
Schwalbach am Taunus


Bisher erschienen

Sämtliche Beiträge der Serie „Praxisblick“ von Dr. med. Torben Brückner finden Sie online .


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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