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1. Juni 2021

Pandemie-Stress

Wie motiviere ich mein Praxisteam?

Wie hält man das Team bei Laune und führt es auch durch schwierige Zeiten? In der Pandemie ist auch bei motivierten Medizinischen Fachangestellten (MFA) die Luft raus, der Motivationspegel sinkt. Der Arzt als Leiter seines Teams hat selbst mit Problemen der Praxisführung zu tun, jetzt soll er sich auch noch mit der Teammotivation befassen. Nachfolgend einige Hinweise und Tipps, die zu guter Teamführung, Stressbewältigung und -resilienz beitragen sollen.

Was sich Mitarbeiter von ihrem Chef wünschen

Leistungsdruck und straffe Terminplanung in der Arztpraxis lassen oft vergessen, wie wichtig die Anerkennung den eigenen Mitarbeitern gegenüber ist. Natürlich sind bei Stress und Hektik stets auch Emotionen mit im Spiel, Wertschätzung ist zugleich ein enorm wichtiger Faktor, das Team zu motivieren und durch schwierige Zeiten zu führen. Dadurch reduziert sich zwar das Arbeitspensum der Mitarbeiter nicht, doch das zwischenmenschliche Klima am Arbeitsplatz hat maßgeblichen Einfluss auf die Stressresistenz.

Kaum jemand wird sich dazu äußern, wenn es an Anerkennung mangelt. Gleichzeitig zählen schon kleine Gesten viel, etwa wenn man sich zwischendurch in der Mittagspause gegenseitig Mut zuspricht, statt über Stress zu klagen. Ebenso essentiell ist es, den Leidensdruck durch Stress offen anzusprechen, ein offenes Wort untereinander ist besser, als das Thema zu verdrängen und darunter zu leiden. Auf Stress und Hektik, vor allem in Stoßzeiten montagvormittags, kann man sich auch mental einstellen, das macht die Arbeitsbelastung erträglich.

Der Arzt als „Kapitän der Praxis“ kann seinen Mitarbeitern durch verschiedene Maßnahmen Hilfe anbieten. Der erste Schritt ist der „Perspektivenwechsel“ mit der Frage: „Wie würde ich mich selbst in der Situation meiner Mitarbeiterin fühlen?“ Sich in die Lage eines anderen zu versetzen, ist die Basis, um die Situation des Teams zu verstehen. Für die Mitarbeiterin ist es spürbar, wenn der Arzt den Perspektivenwechsel schafft.

Feedback geben ist dabei ein Beweis des aktiven Zuhörens und allemal besser als die üblichen Beruhigungsappelle wie: „Es wird alles gut.“ Die emotionale Ebene der Mitarbeiterin erreicht man, indem man selbst Emotionen äußert, auf Gefühle eingeht, statt sie auszublenden. Es ist sehr hilfreich, die Situation der gestressten MFA zu reflektieren und ihr damit Verständnis zu vermitteln.

Ideale Gesprächsbausteine:

  • „Ich verstehe dich …“

  • „Ich kann nachvollziehen, das ist …“

  • „Ich kann mir vorstellen, wie ...“

Echte Anteilnahme verzichtet auf Belehrungen und gute Ratschläge, z.B.:

  • „Da musst du eben durch …“

  • „Jetzt reg dich nicht auf …“

  • „Du musst unbedingt …“

Viel besser ist es, Mut zu machen („Du schaffst es, auch wenn es nicht leicht ist.“). Die Tabelle gibt Ärzten einige Hinweise, wie sie die Gefühle ihrer Mitarbeiter erkennen und zum Positiven beeinflussen können.

Selbsthilfe zur Stressbewältigung

Die Aussprache

Hilfreich ist es, mit jemandem über Ärger zu sprechen, statt ihn in sich hineinzufressen. Die Aussprache öffnet das Ventil, das befreit. Wenn man spricht, darf man den Tatbestand gerne etwas übertreiben – Hauptsache, man spricht sich alles von der Seele. Man sollte das aber auf ein bis zwei Minuten begrenzen, sonst steigert man sich noch in den Stress hinein und zieht andere mit.

Der Ausgleich

Wie oft hat man die Stressbelastung schon erfolgreich geschafft? Man kann die augenblickliche Situation relativieren, wenn man daran denkt, wie man es auch letzte Woche geschafft hat. Was schon einmal geklappt hat, wird auch diesmal klappen. Wer früher Schwierigkeiten gemeistert hat, wird auch jetzt damit fertig werden und kann auch stolz darauf sein. Es kommt auf den Blickwinkel an, mit dem man Belastungen empfindet.

Die Akzeptanz

Wer sich gegen Stress, der unabwendbar ist, wehrt, erlebt Hilflosigkeit und damit verbundenen Kontrollverlust. Ein wichtiger Schritt ist es, die Situation, so wie der Patient bei einer Krankheit, anzunehmen. Man kann auch lernen, mit einer Situation, zumindest vorübergehend, zu leben. Hat man sich mit Stress auseinandergesetzt, kann man sich mit neuen Zielen befassen: mit dem Ziel, gelassener zu reagieren.

Die Atemtechnik

Bei zunehmendem Leistungsdruck und Stress kann die Mitarbeiterin in der Arztpraxis durch gezielte Atmung ihre Gelassenheit bewahren. Gerade bei großer Belastung macht man es falsch, atmet nicht mehr voll durch, hält für Sekunden sogar die Luft an. Bei häufiger Anspannung verändern sich die natürlichen Atemgewohnheiten dauerhaft. Vor allem das Ausatmen, der Abtransport des verbrauchten Sauerstoffs, wird dann vernachlässigt. Bei Stress wird die Atmung unbewusst flach, gepresst, kurz und das Hirn wird auf Dauer unzureichend mit Sauerstoff versorgt. Beim richtigen Atmen spielt der ganze Körper mit, alle Organe werden beeinflusst, es stellt sich Gelassenheit ein. Ein- und Ausatmen ist ein unbewusster Vorgang, der ins Bewusstsein kommen muss, um ihn zu regulieren.

Richtige Atmung ist die Basis für mehr Stressstabilität und eine gute Möglichkeit, innere Spannungen abzubauen. Ideal ist es, wenn man ein Bewusstsein für die Atmung entwickelt, wenn man spürt, ob man flach oder unregelmäßig atmet.

Flachatmende atmen nur bis zum zweiten oder dritten Brustwirbel ein und werden mit Sauerstoff unterversorgt. Bei gesunder Atmung gelangt bis zu 50% mehr Sauerstoff in die Lungen, das beschleunigt die Entspannung.

Resilienz – die innere Widerstandskraft verbessern

Der Begriff Resilienz stammt aus dem lateinischen „resilire“ und bedeutet „zurückspringen“ oder „abprallen“. Damit werden die inneren Kräfte bezeichnet, die helfen, nach den starken Arbeitsbelastungen an einem langen Tag wieder einen normalen Modus zu finden. Es geht dabei nicht um die Reduzierung von Stress selbst, sondern wie man nach der Belastung schnell wieder das Gleichgewicht findet.

Die Sorgen, wie man die Arbeitsmenge in der Zukunft schaffen wird, sind eine Dauerbelastung, die sich auch in der Freizeit auswirkt. Die eigene Widerstandskraft dagegen zu stärken, erfordert zwei Grundhaltungen: Akzeptanz der Situation und Optimismus, trotz der Belastungen. Man soll sich nicht gegen Umstände auflehnen, die nicht änderbar sind, z.B. dass sich die Pandemie wiederholen könnte und der Stress wieder zunehmen wird.

Autor:
Rolf Leicher
Dipl.-Betriebswirt,
Fachautor und Vortragender,
Heidelberg

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