© Simon Geisberger

6. Oktober 2021

Eine fast unendliche Geschichte

Mein linkes Knie

Unter der Rubrik „Der Arzt als Patient“ berichten Hausärztinnen und Hausärzte aus eigener Betroffenheit ihre Erfahrungen. Als Patienten suchen sie Rat und Hilfe bei ihren Kollegen, Hausärzte häufig bei Spezialisten. In der Regel ist der Wechsel der Perspektive vom Behandler zum Behandelten eine neue Erfahrung. Immer wieder stellen sich dabei ähnliche Fragen: Bin ich richtig krank, oder fühle ich mich nur krank? Ist die Diagnose richtig? Die vorgeschlagene Maßnahme das Optimum? Wie ist die Prognose? Und wie ist die Kommunikation mit dem Kollegen gelaufen? Wie bin ich mit der Krankheit umgegangen, und was hat sie aus mir gemacht?

Seit meiner Kindheit habe ich eine vererbte Chondropathia patellae beidseits, ab Mitte 30 erste Symptome. Bereits nach längerem Wandern meldeten sich meine Knie mit brennenden Schmerzen, die aber in Ruhe mit Beinstreckung schnell nachließen. Im Januar 2009 (ich war damals 55 Jahre alt) stürzte ich zuhause beim Treppabgehen und fiel auf das gebeugte linke Knie. Ich konnte es hören, wie eine Sehne des M. quadriceps im Oberschenkel riss.

Gestützt durch Krücken und mit einem Zinkleimverband vom Vorfuß bis zur Mitte des Oberschenkels machte ich wieder Sprechstunden und besuchte per Auto meine Patienten. Nach einigen Wochen war das Bein wieder belastbar, doch das Knie ließ sich nur noch unter Schmerzen beugen, eine Hockstellung war links kaum mehr möglich, alle Beugebewegungen knirschten und knacksten.

Die erste OP bringt keine Verbesserung

Die Röntgenuntersuchung zeigte eine massive Patelladysplasie mit ausgedehnter Knorpelglatze, kaum Arthrosezeichen im Binnenknie. Ich wandte mich an einen namhaften Uniprofessor um Rat. Er empfahl mir eine Retinakulotomie sowie eine laterale Patellareduktionsplastik, die dann im Oktober 2009 in derselben Klinik durchgeführt wurde.

Doch die versprochene Besserung trat nicht ein: Trotz intensiver Krankengymnastik und ungestörter Wundheilung schmerzte das Knie bei jeder Anstrengung. Die Fähigkeit, in die Hocke zu gehen, verringerte sich eher, auch das rechte Knie begann jetzt „mitzuleiden“. Wandern war unmöglich, nur noch Radfahren blieb mir als sportliches Hobby. Auch nervten mich die nächtlichen Schmerzen bei längerer Kniebeugung.

„Für eine TEP zu schade“

Dieser Zustand belastete mich in Beruf und Alltag. Schließlich suchte ich drei Jahre später dieselbe Uniklinik auf, mein Operateur war mittlerweile im Ruhestand. Sein Nachfolger meinte, für eine Totalendoprothese (TEP) sei meine Binnenkniearthrose viel zu gering, es sei schade drum. Er schlug mir einen „kleinen“ Eingriff, die Teilimplantation einer Wave-Prothese, vor. Er zeigte mir die Prothese am Modell, erklärte mir, dass meine Restpatella auf der Metallschiene wie auf einer Rutschbahn gleiten könne und dass damit meine Beschwerden beseitigt würden. Ich war von seiner Erklärung sehr angetan, noch dazu war von einer „kleinen“ Operation die Rede. Wir vereinbarten einen OP-Termin in drei Monaten mit Anschlussheilbehandlung (AHB) in Oberbayern.

Die OP verlief gut, dauerte aber doch länger, als ich gemeint hatte. Am Morgen nach der OP musste ich erbrechen. Ich humpelte am Bett entlang zum WC. Die Stationsschwester, die es genoss, auch mal eine Ärztin unter ihrem Zepter zu haben, berichtete das bei der Visite ganz empört. „Wenn es die Prothese ausgehalten hat, wird das nicht so schlimm sein!“, brummte dazu der Operateur.

Reha ohne Plan?

Als ich dann nach wenigen Tagen in die Anschlussheilbehandlung (AHB) kam, konnte niemand mit der „Wave-Prothese“ etwas anfangen. Ich fragte den jungen Kollegen: „Darf ich mit meiner Wave-Prothese belasten? Wenn ja, wie viel?“ Er wusste es nicht. Er war neu in der Einrichtung. Ich wurde dann einfach in die Gruppe „Totalendoprothese Knie-TEP“ eingeordnet und mit Belastungssteigerungen um wenige Kilo gequält – was sich später als völlig unnötig herausstellte. Als Privatpatientin wurde ich mit unendlich vielen Anwendungen „beglückt“, so dass ich kaum mehr zum Ausruhen kam. Ich hatte jedoch weiterhin große Schmerzen, brauchte bis zum Schluss der AHB Tilidin in hohen Dosen. Die Beweglichkeit im Kniegelenk allerdings besserte sich nicht spürbar.

Zuhause gings weiter mit Lymphdrainagen, Krankengymnastik – längere Strecken gelangen nur mit Nordic-Walking-Stöcken. Auch Monate nach der OP konnte von Schmerzfreiheit oder guter Kniefunktion keine Rede sein. Ich musste aber trotzdem unter Schmerzen meine Praxis weiterführen bis zur nächsten Knie-OP. Das war dann eine totale Endoprothese (TEP) für mein Kniegelenk.

Im Interesse der Forschung

Eines Tages kam der Brief einer Doktorandin dieser Klinik, die mir viele Fragen zu dem Erfolg meiner Wave-Prothese stellte. Merkwürdig. Ich bin doch nirgendwo aufgeklärt worden oder hatte gar unterschrieben, dass mir eine neu entwickelte Prothese eingesetzt werden sollte. Jedenfalls antwortete ich wahrheitsgemäß.

Nachdem ich weiterhin große Knieprobleme hatte, suchte ich einen regionalen Orthopäden auf, der selbst auch Betten hat. Er stellte in einer Röntgenaufnahme mit gebeugtem Knie fest, dass meine Patella über die Metallschiene auf den Knochen rutscht und dass von daher meine Probleme kämen. Auch erzählte er mir, dass diese Teilprothese bisher sehr selten eingesetzt wurde – und der Professor, der mich operiert hatte, das Patent darauf besitzt. Das war ein Schlag für mich. Jetzt verstand ich den Fragebogen der Doktorandin erst richtig. Bei der OP-Aufklärung war freilich nie die Rede davon gewesen. In meiner Gutgläubigkeit hatte ich auch nicht gefragt, wie oft er diesen Eingriff bisher durchgeführt habe. So jedenfalls empfahl es im Jahr 2020 die Titelgeschichte eines Laienmagazins.

Also selbst schuld?

Autorin:
Dr. med. C.F.
Fachärztin für Allgemeinmedizin, 72 Jahre
Name und Anschrift sind der Redaktion bekannt.

Aus der Serie „Arzt als Patient“: „Rheumatoide Arthritis: Eine Krankheit, die nicht in mein Lebensprogramm passt“, Der Allgemeinarzt 2021; 43 (14): 88–89 www.allgemeinarzt.digital/service/mensch/eine-krankheit-lebensprogramm-89390

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