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4. Oktober 2021

Knigge der Medizin

„Zumindest vorstellen hätte sich die Ärztin können“

Unter der Rubrik „Der Arzt als Patient“ berichten Hausärztinnen und Hausärzte aus eigener Betroffenheit ihre Erfahrungen. Als Patienten suchen sie Rat und Hilfe bei ihren Kollegen, Hausärzte häufig bei Spezialisten. In der Regel ist der Wechsel der Perspektive vom Behandler zum Behandelten eine neue Erfahrung. Immer wieder stellen sich dabei ähnliche Fragen: Bin ich richtig krank, oder fühle ich mich nur krank? Ist die Diagnose richtig? Die vorgeschlagene Maßnahme das Optimum? Wie ist die Prognose? Und wie ist die Kommunikation mit dem Kollegen gelaufen? Wie bin ich mit der Krankheit umgegangen, und was hat sie aus mir gemacht?

Kürzlich war ich in der dermatologischen Ambulanz einer Universitätsklinik zur Nachkontrolle. Auf meiner Nase ist eine Stelle, die nicht so ganz einwandfrei zu sein scheint. Die junge Kollegin empfing mich freundlich und erzählte, was bei mir aufgrund der vorliegenden Akte zu tun sei. Es quoll nur so aus ihr heraus. Besonders mein rechter Augenwinkel sei da auffällig...

Ich dachte nur: „Wovon redet die?“ So ging das noch ein paar Minuten, bis sie sich endlich einbremste, etwas nachdenklich wurde und mich fragte, was bei mir das letzte Mal gemacht wurde.

Da stellte sie dann kurz fest („Oh!“), dass sie die Akte einer anderen Person in Händen hatte.

Kurzum: Ganz am Anfang sollte immer die klar vernehmbare namentliche Begrüßung stehen: „Guten Tag, ich bin Frau Doktor XY.“ Einen Händedruck vermisse ich nicht – gerade in „Corona“-Zeiten, aber die Namensnennung sollte auch für einen etwas schwerhörigen Patienten verständlich sein. Und vielleicht sollte auch mal der Patient kurz zu Wort kommen dürfen. Beides geschah hier nicht, und so vergingen wertlose fünf Minuten.

Allgemeine ärztliche Grundsätze

Auf der Heimfahrt machte ich mir so meine Gedanken: Bin ich aus der Zeit gefallen? Zu pingelig? Sollte ich das alles vielleicht cooler nehmen? Mit jedem Kilometer fühlte ich mich bestärkt: Noch vor jeder Spezialisierung zum Facharzt gibt es wichtige allgemeine ärztliche Grundsätze. Dazu zähle zumindest ich als bemooster Praktiker den Erstkontakt zwischen Arzt und Patient. Der fängt an mit der Bekanntmachung: Wer hat es mit wem zu tun? Dann folgt die Frage des Arztes an den Patienten: „Was führt Sie zu mir?“ Zumindest so sollten wir unsere Medizinstudenten im Blockpraktikum erziehen. Als Lehrärzte einer Akademischen Lehrpraxis, sagte uns der Lehrstuhlinhaber, hätten wir da eine besondere Aufgabe.

Und dann habe ich noch etwas zu dieser Begegnung anzumerken: Wenn ich über ein Jahr nicht mehr in dieser Einrichtung war, hätte ich doch auch gefragt werden können: „Haben Sie sonst wo noch am Körper irgendwelche Hautauffälligkeiten bemerkt?“ Wir Praktiker bleiben doch auch nicht nur beim „Wimmerl“ am Nasenspitzerl hängen – und schaun mal tiefer. Zumindest sollten wir das!

Autor:
Dr. med. J.U.
Facharzt für Allgemeinmedizin, 75 Jahre
Name und Anschrift sind der Redaktion bekannt. Um die Anonymität des Autors zu wahren, wurden die Initialen seines Namens von der Redaktion geändert.


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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