Nachruf

Bernard Lown (1921–2021)

Man kann das Leben von Bernard Lown kurz zusammenfassen, zum Beispiel so: „Prof. Dr. med. Dr. med. h.c. mult. Bernard Lown, 1921 in Litauen geboren, 2021 in Chestnut Hill (Massachusetts) gestorben, war ein US-amerikanischer Kardiologe und Gründer des Lown Cardiovascular Center an der Harvard Medical School. In den 1960er-Jahren entwickelte er die Gleichstromdefibrillation, die Elektrokardioversion bei Vorhofflimmern und er entdeckte die Wirksamkeit von Lidocain zur kardiologischen Behandlung. 1974 wurde er zum Professor für Kardiologie der Harvard School of Public Health berufen und zu einem Arzt und Wissenschaftler von Weltrang. Für sein Engagement gegen das nukleare Wettrüsten im Kalten Krieg erhielt er den Friedensnobelpreis.“1 Wenn ich aber Bernard Lown mit einem Nachruf wirklich gerecht werden wollte, dann müsste ich mindestens dieses ganze Heft füllen – und hätte wahrscheinlich immer noch nicht alles erfasst, erwähnt und gewürdigt, was Bernard Lown in den einhundert Jahren seines langen Lebens getan und erreicht hat.

Als ich vor mehr als 40 Jahren für mein Staatsexamen gepaukt habe, begegnete mir der Name Lown zum ersten Mal: Die Lown-Klassifikation der ventrikulären Extrasystolie, deren Lidocaintherapie er eingeführt hatte, war in den 1970er-Jahren eine Pioniertat. Damals schon war eines der Präexzitationssyndrome als Lown-Ganong-Levine-Syndrom nach ihm und seinen Lehrern benannt, und bereits 1962 prägte er den Begriff des Sinusknotensyndroms („sick sinus“).

1962 war auch das Jahr, in dem er erstmals über die Kardioversion publizierte. Die anfangs noch heftig umstrittene Elektroschockbehandlung des Vorhofflimmerns wird heute weltweit täglich tausendfach angewandt und hat ungezählte Leben gerettet.

Lown gründete das Lown Cardiovascular Center der Harvard University in Boston. Er war ein großer, ein weltbekannter Wissenschaftler, Ehrendoktor vieler Universitäten auf der ganzen Welt und hat mehr als 400 Mal in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht.

Engagement für nukleare Abrüstung und soziale Gerechtigkeit

In einem völlig anderen Zusammenhang stieß ich Jahre später erneut auf den Namen Lown: Eine Organisation namens International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) erhielt 1985 den Friedensnobelpreis. Stellvertretend für damals schon über 200.000 Ärztinnen und Ärzte, die als Mitglieder der IPPNW in mehr als sechzig Ländern ihre Stimme gegen den Wahnsinn der nuklearen Aufrüstung – einschließlich der sogenannten friedlichen Nutzung der Kernenergie – erhoben, nahmen die Gründer dieser bis heute aktiven und erfolgreichen Ärzteorganisation, Jewgenij Chasow und Bernard Lown, gemeinsam diese Ehrung in Oslo entgegen.

Es ist unbestritten, dass Bernard Lown und seine Mitkämpferinnen und Mitkämpfer der IPPNW wesentlich zu den Abrüstungsverträgen und dem Ende des Kalten Krieges beigetragen haben. Sein Leben lang war er ein unermüdlicher Kämpfer für Gerechtigkeit und Frieden. In der McCarthy-Ära verweigerte er zu Zeiten des Koreakrieges die Beantwortung der Frage, ob er subversiven Organisationen angehöre. Daraufhin wurde er in ein abgelegenes Militärhospital abkommandiert und musste dort den halben Tag lang die Klinikflure fegen. Später sagte er, dass diese Zeit zwar sein Leben ein Jahr lang ruiniert, ihn aber zu einem besseren Arzt gemacht habe. Während seines Medizinstudiums an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore war er in Studentengruppen aktiv, die die Gleichberechtigung von weiblichen, farbigen und jüdischen Kommilitoninnen und Kommilitonen verlangten. Als er sich weigerte, zwischen „schwarzen“ und „weißen“ Blutkonserven zu unterscheiden, wurde er vom Unterricht ausgeschlossen. Wenn es in der Neuzeit jemals einem Arzt gelungen ist, den paradigmatischen Satz von Rudolf Virchow aus dem Jahr 1848 mit Leben zu füllen, dann ist das Bernard Lown: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist nichts weiter als Medizin im Großen.“

Begnadeter Autor und Erzähler

Er war aber nicht nur als Wissenschaftler, als Kardiologe und als Kämpfer für den Frieden weltbekannt, er war außerdem auch ein begnadeter Erzähler und Schriftsteller. Vor zwanzig Jahren machte Lown auf dem Weg zu einer Nobelpreisverleihung Station in Frankfurt und stellte sein Buch mit dem denkwürdigen Titel: „Die verlorene Kunst des Heilens“2 auf einer Veranstaltung der Ärztekammer und des Schattauer Verlags vor. Da habe ich ihn zum ersten Mal gesehen, zwar schon 80 Jahre alt, aber voller ansteckender Energie und Optimismus für eine bessere Welt, auch für eine bessere Medizin. Vielfach übersetzt und weltweit diskutiert hilft dieses Buch bis heute vielen Ärztinnen und Ärzten, nicht an den politischen und ökonomischen Zerstörungsattacken gegen die Humanmedizin zu verzweifeln, sondern sich für eine menschliche, nichtindustrialisierte Medizin einzusetzen. Im Jahr 2004 war Lown auf Einladung der Uexküll-Akademie erneut in Frankfurt und begeisterte auf seine unnachahmliche Art wieder alle Anwesenden dafür, sich für eine freie, gerechte und vor allem atomwaffenfreie Welt zu betätigen. Nach der Veranstaltung saßen wir noch stundenlang zusammen und hörten ihm zu. Wir kamen uns fast vor wie seine Jünger.

Verlorene Kunst des Heilens: B. Lown anlässlich der Buchvorstellung in Frankfurt, Dezember 2001

Kritiker einer technisierten Medizin

Im Jahr 2015 legte wiederum der Schattauer Verlag den Folgeband zur „Verlorenen Kunst des Heilens“ mit dem lapidaren Titel „Heilkunst“ vor. Darin fanden sich Lowns im Internet veröffentlichte Essays zu fast allen wichtigen Fragen zwischen Gesundheit und Krankheit, dazu ein Online-Blog mit seiner Enkelin Melanie. Er erinnerte wieder und wieder daran, dass die Medizin noch nie zuvor in der Lage war, so viel Gutes zu tun wie heute, und noch nie zuvor so viele Patienten beschädigt, enttäuscht und unzufrieden hinterlassen hatte. Vielen Ärzten sei die Kunst des Heilens abhandengekommen, die sehr viel mehr beinhalte als nur diagnostische Maschinerien und technisches Knowhow. „Heilkunst“3 beruhe vor allem auf einer gelungenen Arzt-Patient-Beziehung.

Körper, Seele, Mensch: B. Hontschik überreicht B. Lown sein Buch als Gastgeschenk, Oktober 2006

Politisches Vermächtnis

Bei meinem letzten Besuch in Boston vor fünf Jahren – Lown war damals schon 95 Jahre alt – konnte er seine Enttäuschung nicht verbergen, dass kein großer deutscher Verlag sein Buch „Ein Leben für das Leben“4 herausgegeben hatte. Dieses letzte Buch bezeichnete er als sein wichtigstes, als sein politisches Vermächtnis. Seine große Sorge galt dem gefährdeten Weltfrieden und den überall aufkommenden nationalistischen Strömungen. Keine vier Wochen vor seinem Tod veröffentlichte er noch im Januar 2021 im New England Journal of Medicine den flammenden Appell „ Ärzte müssen aktiv werden gegen die erneute Bedrohung durch den nuklearen Holocaust“.5 Gleichzeitig zeigte er sich aber nicht minder entsetzt über die rasante Kommerzialisierung der Medizin, die ihre eigentliche Bestimmung, dem Wohl der Patientinnen und Patienten zu dienen, immer mehr aus dem Auge verlieren würde. „Die Medizin hat ihre Seele verloren“, sagte er, aber nicht resigniert, sondern auch diesmal mit ungebrochenem und ansteckendem Kampfgeist. Damals habe ich ihn zum letzten Mal gesehen.

Jeder Verstorbene hinterlässt eine Lücke. Bernard Lown hinterlässt eine besonders große. Er war einer der wichtigsten Ärzte unserer Zeit. Eigentlich hätten am 16. Februar auf der ganzen Welt die Glocken eine Stunde lang läuten müssen.

Signierstunde: Öffentliche Veranstaltung in Frankfurt 2004, gemeinsam mitProf. Ulrich Gottstein, Initiator der deutschen Sektion der IPPNW

Dr. med. Bernd Hontschik
Facharzt für Chirurgie, Publizist, Frankfurt a. M.

1 https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/ID91485141.html
2 https://www.suhrkamp.de/buecher/die_verlorene_kunst_des_heilens-bernard_lown_45574.html
3 https://www.klett-cotta.de/suche?vt=lown
4 https://www.aerztezeitung.de/Panorama/Ein-Arzt-kaempft-gegen-den-atomaren-Wahnsinn-339102.html
5 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2033335