11. Juni 2021

Entspannen im Cilento

„Dieta Mediterranea“ trifft Moderne

Die Luft schmeckt salzig. Die weiße Gischt der Wellen prallt an die zerfurchten Küstenstreifen. Pastellfarbene Häuser und Palmen säumen die Promenade. Der Glockenturm wacht über den kleinen Hafen in Camerota. Zweihundert Kilometer südlich von Neapel ist von der pausenlosen Hast der Großstadt nichts mehr zu spüren. Laut dem italienischen Statistikamt Istat leben in der Region Cilento überdurchschnittlich viele Hochbetagte. Wer die Bergdörfer und Küstenstädte besucht, erfährt, warum die Leute hier gesund alt werden.

Buona giornata“, einen schönen Tag, wünschen uns die Alten Luici, Josefina und Vincenca. Sie sind Nachbarn und jeden Nachmittag sitzen sie auf der Bank direkt neben der alten Burg und tauschen Neuigkeiten aus. Vincenca, eine ältere Dame, erzählt, dass ihre Kinder mehr von der Welt gesehen haben als Camerota, den 1.800 Einwohner zählenden Bergort in Italiens zweitgrößtem Nationalpark und UNESCO-Weltkulturerbe. In den 1960er-Jahren sind Sohn und Tochter nach Stuttgart gegangen, um anderswo Geld zu verdienen. So haben es viele im Ort gemacht. In den 1990ern sind sie wieder zurückgekehrt. Und seither besinnen sie sich auf die Schönheit und die gesunde Lebensweise ihres Cilento. Sie übernehmen die Firmen ihrer Eltern, halten an alten Traditionen fest und bringen neue Ideen ein. Luici und Josefina zeigen auf die samtig grün bewaldete Hügelkette, auf uralte Olivenhaine und die kantig in den Himmel schneidenden Hochgebirgsgipfel. Einen Dottore brauchen sie nicht. Bei ihnen kommt nur auf den Tisch, was auf Wiesen und in Wäldern wächst und im Meer gefangen wird. Aus Maismehl wird das Brot selbst gebacken. Und damit wir glauben, dass hier die Zeit nicht stehen geblieben ist, huschen wie bestellt Jungen und Mädchen aus den mit Rundbögen verwinkelten schmalen Gassen.

Sardellenfischen mit Tradition

Am Hafen herrscht emsiges Treiben. Ausflugsschiffe kehren von den traumhaften, von Land kaum zugänglichen Badebuchten, wie der Baia degli Infreschi, zurück. Trotz der einbrechenden Dämmerung fahren Fischer aufs Meer. Es sind die „pescatori“, die nur von April bis Juni bei glatter See mit ihren acht Meter langen Holzbooten nach Art ihrer Vorfahren Sardellen fangen. Sie kennen die Strömung und den Wind und können die Sterne am Himmel deuten. An Bord entfernen die Fischer Köpfe und Innereien und bringen die Sardellen in Holzkisten zum Hafen, wo sie am Morgen in Salzlake gewaschen und mit grobem Meersalz in Tongefäße geschichtet werden.

Sardellenfang wie früher.

Wiege der mediterranen Kost

In Deutschland kennt man Sardellen vor allem als Pizzabelag (Anchovis). Im Cilento werden die silbrigen Fische in vielen Variationen zubereitet: roh oder gebraten, gefüllt oder als Eintopf, zu Klößchen gerollt oder als Salat angerichtet. In der Taverna del Mozzo kreiert der Koch einen Augenschmaus. Luca Cella aus dem Norden von Camerota schätzt das intensive Aroma und das leicht rosafarbene Fleisch. In seinem Unternehmen werden auf Anfrage die Fische vor den Gästen per Hand verarbeitet. Und im Frühjahr geht er mit seinen Gästen in den Wald zur Spargelernte, im Herbst auf Pilzsuche. Dann wird im Hotel Calanca gemeinsam gekocht. Er sagt: „Die Langlebigkeit ist eine Folge der Ernährung der Einwohner des Cilento.“ Fünf Generationen arbeiten auf den Feldern und sie leben davon, was darauf wächst. Biokost in Reinform. Der Cilento gilt als die Wiege der „Dieta Mediterranea“. Das ist keinesfalls Fasten, sondern gesundes und ausgewogenes Schlemmen.

Sardelle trifft Gourmet.

Das außergewöhnlich hohe Alter vieler Cilentani bewog den amerikanischen Ernährungswissenschaftler Ancel B. Keys in der Nachkriegszeit zu seinen Studien der cilentanischen Küche. Er brachte aus dem kleinen Küstenort Pioppi die Idee des „Slow Food“ auf den Weg. Und gesund heißt im Cilento: Die Speisen nachhaltig mit saisonalen Zutaten zubereiten, zum Beispiel in Salz eingelegte Sardellen, kleine Tomaten, wilder Spargel, Kichererbsen, weiße Feigen und zarter Büffelmozzarella. Dafür wenig Fleisch, aber viel Olivenöl. Jeder Einwohner nimmt täglich etwa 0,2 Liter des kaltgepressten Öls zu sich, das entspricht in etwa einem vollen Wasserglas. Forscher gehen davon aus, dass der Goldsaft das Leben schützen und verlängern kann, da er Substanzen enthält, die Herz und Gefäße stärken und das Krebsrisiko reduzieren. Um den Gebrauch von Salz zu reduzieren, kommen Kräuter und Gewürze in die Gerichte. Im Cilento sind Herz- und Gefäßerkrankungen, Diabetes und Parkinson weitgehend unbekannt.

Ob in exponierter Lage oder versteckt in kleinen Gassen, in den Restaurants lebt die Idee der Mittelmeerdiät weiter. Die rustikale Variante ist die Cantina Del Marchese. Die Speisen sind deftig und an den Traditionen des doch recht armen Cilento orientiert. Der Chef hält sich an die Empfehlung: Vollkorngetreide soll siebenmal pro Woche gegessen werden, beispielsweise in Form von Nudeln, Reis, Gerste, Dinkel, Mais, aber auch Hafer oder Hirse. Die Schlichtheit der zubereiteten Speisen spielt eine große Rolle. Ein Glas Rotwein oder Weißwein darf bei keiner Mahlzeit fehlen. Auch hier machen die Cilentanis alles richtig, Ernährungswissenschaftler haben inzwischen belegt, dass Wein nicht nur wertvolle Spurenelemente enthält, sondern zum Essen getrunken auch die Aufnahme von wichtigen pflanzlichen Nährstoffen fördert.

Im Ort San Severino: eine Burgbefestigung aus dem 9. Jahrhundert.

Traumhaft schöne Ausflugsziele

Überaus wichtig war für Ancel B. Keys auch die tägliche Bewegung. Er selbst unternahm mit seiner Frau jeden Tag lange Spaziergänge. Wanderführer bieten vor Ort Touren an und Fahrräder und Boote können ebenfalls ausgeliehen werden. Im Hinterland gibt es hohe Berge und Aussichten in tiefgrüne Schluchten, die mit kleinen wilden Bergblumen übersät sind. Die Küste lockt mit atemberaubenden Uferwegen und Buchten mit glasklarem Wasser. Einen Besuch sollte man unbedingt im nördlichen Cilento auf der Farm Tenuta Vannulo einplanen. Wer dort den „Büffelflüsterer“ Antonio Palmieri trifft, wird überrascht. Eine Delikatesse ist der Büffelmozzarella. Dieser ist so würzig und cremig, dass er alle anderen geschmacklich in den Schatten stellt. Mehr Kalzium und Eisen sind enthalten, das für die Knochen und für den Sauerstofftransport im Blut wichtig ist. Der Chef der Farm erklärt den hervorragenden Geschmack: Die Büffel werden gemolken, wann sie es möchten, erhalten Massagen und hören klassische Musik. Es scheint, als hätten die Menschen aus dem Cilento ein Geheimrezept für ein langes und gesundes Leben gefunden.

Eng ist es in den Gassen Camerotas.

Informationen für Ihre Reise

Der Cilento beginnt etwa 100 Kilometer südlich von Neapel. Zwischen Paestum im Norden, den Monti Alburni im Osten und Sapri im Süden liegt ein Paradies für Genießer und Aktive. Als zweitgrößter Nationalpark Italiens und UNESCO-Weltkulturerbe ist die Region vom Massentourismus verschont geblieben. Die kleinen Ortschaften liegen verstreut an der herrlichen Küste und in den Hügeln des Nationalparks.

Unterkünfte und Aktivitäten:

Eine allgemeine Übersicht bietet: www.cilento-ferien.de.

Das Hotel Calanca in Camerota bietet im Frühling und Herbst Kochkurse an: www.hotelcalanca.com; unter dem Punkt „Erlebnisreisen“ findet man zwei Programme zur Wahl. Der Besitzer des Hotels Calanca spricht Deutsch.

Anreise:

Neapel wird von mehreren deutschen Flughäfen aus angeflogen, unter anderem von Lufthansa, easy Jet, Eurowings

  • Vom Flughafen mit dem Mietwagen ins Cilento

Vom Flughafen Napoli-Capodichino kann man mit einem Mietwagen ins Cilento fahren. Mietwagen können online oder vor Ort gebucht werden. Die Online-Reservierung hat den Vorteil, dass man zu Hause einen Preisvergleich machen und sich den günstigsten Leihwagen sichern kann. Praktisch ist die Übernahme und Rückgabe am Flughafen-Capodichino in Neapel. Wer vor Ort nur für einige Tage mobil sein und sonst am Strand relaxen möchte, kann sich auch direkt vor Ort tageweise ein Mietauto nehmen.

  • Mit dem Bus vom Flughafen Neapel und Rom-Fiumicino ins Cilento

Vom Flughafen Napoli-Capodichino fahren Busse ins Cilento. Eine Linie der Gesellschaft www.cosat.it hält unter anderem in Agropoli, Battipaglia und Salerno. Im Juli und August fahren vom Flughafen Roma-Fiumicino Busse von CO.SA.T.

  • Mit dem Zug vom Hauptbahnhof Neapel oder Rom

Zugverbindungen können auf www.trenitalia.com eingesehen werden.

Klima und Reisezeit:

Mediterranes Klima. Gute Reisezeiten sind Frühjahr und Herbst. Die Sommermonate sind mitunter sehr heiß. In den Bergen ist es dann allerdings deutlich angenehmer als an der Küste.

Restaurants und Kulinarisches

  • Büffelfarm: www.vannulo.it

  • Traditionelle Verarbeitung der Sardellen: Manufaktur AURA in Palinuro, Luca Cella, Tel.: 0039.329.5966496, E-Mail: aura@aura-cilento.com

  • Slow-Food-Restaurant: Taverna del Mozzo in Marina di Camerota / auch für Vegetarier geeignet (www.latavernadelmozzo.it).

  • Die Cantina del Marchese in Marina di Camerot: Dort orientiert man sich an den Gerichten, die in Lentiscosa seit jeher gekocht werden (www.lacantinadelmarchese.net).

  • Antica Trattoria da Valentone in Marina di Camerota: Die Karte von Valentone ist etwas umfangreicher, jedoch mit starkem Bezug auf Marina di Camerota (www.marinadicamerota.eu/ristorante-trattoria-da-valentone).

  • Ammor `E Mare in Marina di Camerota: Peppe Troccoli vom Ammor `E Mare bereitet ausschließlich Fischgerichte zu, so wie sie seit jeher in Marina di Camerota bekannt sind (www.ammoremare.com).

Bericht: Heidrun Lange

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