© Heidrun Lange

26. November 2021

Reise ins Burgund

Das Mittelalter wird in Guédelon wieder lebendig

Schlösser, Burgen, Klöster und kleine Dörfer. Hereinspaziert ins Mittelalter, heißt es im französischen Burgund. In der Regionalhauptstadt Dijon erinnert das Palais des Ducs an die Zeit, als die Herzöge zu den mächtigsten Männern Europas gehörten. Prachtvolle Renaissanceschlösser, wie Saint-Fargeau, Ancy-le-Franc oder Châteauneuf-en-Auxois, zeigen Prunk, opulente Wandmalereien oder Fresken. In Guédelon scheint die Zeit allerdings regelrecht stehen geblieben zu sein. Stein um Stein wird eine mittelalterliche Burg mit den Techniken und Materialien jener Epoche neu errichtet.

Château de Saint-Fargeau, ein prächtiges Schloss mit einer langen Geschichte

Aus der Lichtung des Waldes ragen halbfertige Wehrmauern, kreisrunde Flankierungstürme und ein eingerüsteter Turm in die Höhe. Ein Pferdewagen hält direkt vor der Baustelle und bringt Mörtel. Dieser wird in großen Weidekörben mit Hilfe eines Lastenaufzugs durch Körpereinsatz, eine Art Hamsterrad wie in der Antike, hinauf zu den Maurern gezogen. Michel Guyot, Kunsthistoriker, Eigentümer und Restaurateur des Schlosses Saint-Fargeau im Département Yonne hatte die Idee, eine Ritterburg zu bauen. Während der Arbeiten an seinem über zehn Kilometer entfernten Schloss wurden eisenhaltige Buntsandsteine aus dem 13. Jahrhundert gefunden. Das war der entscheidende Grund für diesen Bauplatz im Wald. Es ist alles da, ein Steinbruch mit Eichenwald, Kastanienbäumen und ein Bach. Ein Bauteam legte am 20. Juni 1997 den ersten Stein. Steinhauer, Steinmetze, Zimmerleute, Schmiede, Töpfer und Seiler arbeiten mit ihrem Baumeister Heinz Koenen auf dieser mittelalterlichen Baustelle mit den Methoden, Materialien und Hilfsmitteln des 13. Jahrhunderts.

Am Bau einer Ritterburg mitarbeiten

In Guédelon entsteht eine mittelalterliche Burg mit der damaligen Technik.

Wassermühle, befestigte Ringmauer, Ausfallpforte, Brücke, Waffensäle mit Fächergewölben, Keller mit Kreuzgratgewölbe, Dachgebälk des Wohngebäudes, das alles wurde schon unter den Augen von tausenden Besuchern geschaffen. Denn Zuschauer sind erwünscht. Diese kommen zahlreich und lassen sich erklären, wie das alles funktioniert, so ohne Presslufthammer, Motorsäge und Kran. „Viele Handgriffe aus unserer Zeit sind nicht vergleichbar mit denen des Mittelalters. Die gut ausgebildeten Handwerker müssen ihr Handwerk neu lernen. Und ich selbst habe Steine im Steinbruch gespalten wie einst unsere Ururgroßväter“, erzählt Heinz Koenen.

Doch genau das macht Guédelon so besonders und wertvoll. Anfangs belächelt und als unseriös abgetan, zog das Projekt schon bald das Interesse von Archäologen, Kunsthistorikern und Burgenkundlern auf sich. Jeder Handgriff wird protokolliert, Fotos werden archiviert. Bauhistoriker geben Hinweise, wie von Ende des 12. bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts gebaut wurde; auch sie wissen allerdings nicht alle Details. Sie analysieren die fertigen Gebäude und erforschen, ob ihre wissenschaftlichen Vermutungen stimmen.

Einer der freiwilligen Helfer ist Charles Feixido.

Es gibt zahlreiche Freiwillige, die unbedingt hier arbeiten wollen. Einer von ihnen ist Charles Feixido. „Ich wollte dabei sein und mithelfen, eine Burg zu bauen“, sagt Feixido, der im richtigen Berufsleben als Koch arbeitet. Charles trägt einen einfachen roten Baumwollanzug und hält eine drei Kilo schwere Axt in seinen Händen. Diese hat einen leicht gebogenen Stiel und eine seitlich geschmiedete Schneide, damit er sich beim Abschlagen des Spans nicht verletzt. Seit einem Jahr schlägt der junge Franzose gemeinsam mit weiteren Zimmerleuten unter freiem Himmel Splintholz von Baumstämmen. Der harte Kern im Inneren liefert die Festigkeit für das Gewölbe, das im Gästezimmer unter der Decke eingefügt wurde. Das hält bestimmt einigen Stürmen stand, ist sich der 29-Jährige sicher. In den Handwerkerhütten wird alles hergestellt, was für den Bau der Burg notwendig ist.

Historienspektakel im Zeitraffer

Als der Bau 1997 begann, setzte Michel Guyot das Jahr 2025 für die Fertigstellung fest. Dieser Zeitpunkt ist nun in greifbare Nähe gerückt, ein Ende ist jedoch nicht in Sicht. Die schmucke Freitreppe mit steinernem Handlauf ist fertig, innen eine riesige Vorratskammer, die Küche, der Festsaal und eine große Schlafkammer für künftige Gäste.

Vorbild für Guédelon ist Michel Guyots zehn Kilometer entferntes Schloss Saint-Fargeau. Keiner vor ihm hatte sich an das gewaltige Restaurationsprojekt gewagt. Unter Ludwig XIV. ein Abschiebungsort für unerwünschte Herzoginnen, jetzt ein Vorzeigeprojekt. Michel Guyot ließ vieles wieder so herrichten, wie es einst ausgesehen hatte. Und damit Besucher kommen, gibt es jedes Jahr im Sommer ein Historienspektakel. Über eineinhalb Stunden und in atemberaubendem Tempo werden im Schlosspark 1.000 Jahre zurückgespult. Über 600 Schauspieler und zahlreiche Reiter zeigen lebhafte Bilder wie die Legende der Jeanne d‘Arc, die Jagd auf Héribert, ein Ritterturnier, blutrünstige Folterknechte, die Ankunft einer Grande Mademoiselle, die Wirren der Französischen Revolution bis hin zum Einzug amerikanischer Truppen in Puisaye Ende des Zweiten Weltkriegs.

Burgen, Renaissanceschlösschen und herrschaftliche Villen

Fährt man weiter durch die Landschaft, stehen mittelalterliche Festungstürme, elegante Herrenhäuser oder zierliche Renaissanceschlösser am Wegrand. Weinkenner werden die Abtei von Reigny in der Gemeinde Vermenton schätzen. Wo einst Mönche nächtigten, schlafen heute Touristen. Dafür sorgen Beatrice und Louis Mauvais mit ihren fünf Gästezimmern. Beide haben sich für dieses Kloster entschieden, da es eine Oase der Stille ist, wo sich die Natur unberührt weit über die hügelige Landschaft erstreckt.

Das ehemalige Zisterzienserkloster Reigny liegt in Vermenton.

Eine Reise durch fünf Jahrhunderte erlebt man im Schloss Ancy-le-Franc. Im Renaissancestil des 16. Jahrhunderts erbaut, ist es nicht gerade ein romantisches, verwinkeltes Wasserschloss, sondern wirkt eher klassisch-streng und kühl. Da es bis ins 20. Jahrhundert bewohnt war, stehen viele Originalmöbel aus mehreren Jahrhunderten in den Räumen. Fresken und Gemälde aus den Anfangsjahren zeigen in einigen Räumen mythologische, religiöse oder kriegerische Szenen. Die Könige Henri IV., Louis XIV., Louis XIII. hielten sich oft über längere Tage im Schloss auf und genossen den Blick aus den Fenstern in die großzügig angelegte Parkanlage und in die französischen Gärten mit Blüten und Ornamenten aus Buchsbaum.

Besuch in der Festungsstadt Semur-en-Auxois und auf der Burg Châteauneuf

Über dem Fluss Armançon erhebt sich die Stadt Semur-en-Auxois mit einem mächtigen Bergfried und dem Turm der Kirche Notre-Dame. Früher war Semur die stärkste Festung des Herzogtums, was die erhaltenen Türme auf den steilen Felsen auch heute noch erahnen lassen. Die Altstadt ist teilweise noch von einer Stadtmauer umgeben.

Die vier Türme in Semur-en-Auxois

Die Burg Châteauneuf-en-Auxois steht auf einem 475 Meter hohen Felsen.

Galerie im Schloss Bussy-Rabutin

In der Nähe von Montbard, in einem bewaldeten Tal des Auxois, liegt das von einem Wassergraben umgebene Schloss von Bussy-Rabutin. Die Wände des unteren Geschosses zieren die Porträts zahlreicher Damen. Seiner spitzen Feder verdankte Comte Roger de Rabutin im 16. Jahrhundert das Privileg, „Dauerferien“ auf seinem Landsitz Bussy in Auxois verbringen zu dürfen. Immerhin hatte er sich über das Privatleben des Sonnenkönigs lustig gemacht. Der Monarch schickte ihn erst in die Bastille, dann in die Verbannung hierher. Um seine Zeit totzuschlagen, ließ der Graf von örtlichen Kunsthandwerkern Gemälde der Damen am Hofe an die Wände des Schlosses zeichnen und versah sie mit lateinischen Notizen.

Auf dem Weg nach Dijon sieht man sie schon von Weitem. Die Burg Châteauneuf im französischen Département Côte-d’Or steht wie eh und je als Wächterin auf einem 475 Meter hohen Felsen. Im Mittelalter diente sie zur Sicherung der Straße von Dijon nach Autun. Das Dorf ist fast so geblieben, wie es war. Frauen tauschen wie zu alten Zeiten Neuigkeiten über den Zaun aus, ein alter Mann zupft in seinem handtuchschmalen Garten Unkraut. Die Tierbildhauerin Michèle Coustou lädt in ihr Atelier. Schnecken, Spinnen und Käfer – die bronzenen Figuren hat sie selbst entworfen und hergestellt. Zur Mittagszeit sitzen die Gäste an den kleinen Tischen vor dem Restaurant L‘Auberge du Marronnier. Es wird ländlich gekocht. Würste und Schinken werden über Hartholzspänen geräuchert, feine Käsesorten, wie der weiche Mont d’Or, reifen in einem dünnen Ring aus Fichtenrinde.

Trubeliger ist es in Dijon, der Hauptstadt des Burgund, einst prächtiger Sitz der Herzöge. Die Straßen sind von Fachwerkhäusern gesäumt und abends tobt das Leben vor dem Herzogspalast. Denn Dijon ist heute eine moderne Studentenstadt.

Informationen

www.bourgognefranchecomte.com
www.tourisme-yonne.com
www.cotedor-tourisme.com

Burg Guédelon: Anreise mittels Zug oder Flug nach Paris, weiter mit dem Zug nach Cosne-sur-Loire und mit dem Taxi bis nach Treigny/Guédelon
Die Burg Guédelon ist geöffnet von Ende März bis Anfang November, von 10 bis 18 bzw. 19 Uhr. Eintritt: 14 € für Erwachsene, im Sommer auch Führungen auf Deutsch: www.guedelon.fr
Tickets können vor Ort oder aber vorab online gekauft werden:
https://billetterie-guedelon.tickeasy.com/en-US/your-ticket

Das Bauvorhaben wird größtenteils durch Eintrittsgelder finanziert. Wer will, kann in Guédelon für ein paar Tage als freiwilliger Helfer anheuern. Die Baustelle ist offen für Besucher. Sie können den Hergang der Arbeiten nicht nur beobachten und eine mittelalterliche Baustelle hautnah erleben, sondern sich mit den Mitarbeitern vor Ort austauschen. Französischkenntnisse sind hilfreich, aber nicht zwingend notwendig. Heinz Koenen spricht Deutsch. Die Arbeiten ruhen von November bis März jeden Jahres. In dieser Zeit ist die Baustelle auch für Besucher geschlossen.

Unterkunft: Zum Beispiel das Relais du Château in Saint-Fargeau aus dem 15. Jahrhundert, DZ ab 78€: www.relais-du-chateau.fr

Anreise ins Burgund: Mit dem Flugzeug von allen größeren Städten Deutschlands aus nach Paris. Von dort mit der Bahn SNFC weiter.
Fahrpläne und Anbindungen: de.oui.sncf/de

Mit dem Regionalexpress (TER): Die Züge des Regionalzugnetzes fahren Bahnhöfe der gesamten Region an.
Fahrpläne und Anbindungen: www.ter.sncf.com/bourgogne-fran-che-comte

Wer gern unabhängig ist, nimmt sich einen Mietwagen.

COVID-19-Bestimmungen für das Burgund: Im Burgund ist alles wieder geöffnet, vor allem Geimpfte haben freien Zugang zu Sehenswürdigkeiten, Restaurants, Hotels und Veranstaltungen. Bei der Einreise müssen Geimpfte den elektronischen europäischen Impfpass vorzeigen und Ungeimpfte einen negativen Schnelltest (max. 72h alt).
Nach der aktuellen Einreiseverordnung müssen Geimpfte nach der Einreise nicht in Quarantäne.

Die Reise wurde von Bourgogne-Franche-Comté Tourisme in Zusammenarbeit mit Yonne Tourisme und Côte d‘Or Tourisme unterstützt.

Bericht: Heidrun Lange

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