© Nada Quenzel

19. Januar 2022

Zwischen Cottbus und Bautzen

Die Lausitzer Kathedralen der Arbeit

Im Land der Braunkohle wächst Europas größte von Menschenhand geschaffene Seenlandschaft. Die ehemaligen Tagebaugruben der Lausitz werden mit Wasser geflutet. Geplant sind über 20 Seen, mindestens zehn davon sollen mit Kanälen verbunden werden. Die größte Förderbrücke der Welt ist begehbar. In den ehemaligen gewaltigen Industrieanlagen wird der Strukturwandel inszeniert. Im Sommer ist es ein Badeparadies und in den kalten Tagen kann man die Zeugen aus Stein und Metall der Vergangenheit in der frischen Luft erwandern. Und wer den Schnee sucht: Es gibt eine Skihalle und neben dieser eine Eisfläche zum Schlittschuhlaufen.

Großräschen ist eine Kleinstadt im Lausitzer Seenland, ein Ort der Geschichte über die Kohle. Wie sehr sich das Leben der Menschen in dieser Region in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat, erfährt man am besten auf den IBA-Terrassen.

Ehemaliger Bergmann: Heinz Müller führt heute Besucher durch das frühere Bergwerksgelände.

Heinz Müller begrüßt seine Gäste mit dem Bergmannsgruß „Glück auf“. Er zeigt auf das Gewässer: „Ungefähr dort, rund 100 Meter von hier, hatte ich am 1. Mai 1975 meinen ersten Arbeitstag“, sagt der 73-Jährige. Im Tagebau Meuro war er Automatisierungsingenieur in der Braunkohlengrube, die seit ihrer Stilllegung im Jahr 2000 geflutet und in einen See umgewandelt wird. 2007 floss das erste Wasser in den Großräschener See, 2019 war der Endwasserstand mit 100m NN erreicht.

Während Heinz Müller erzählt, plätschern um eine stählerne Seebrücke die Wellen sanft ans Ufer. Gleich nebenan wurde 2018 der Stadthafen mit Promenade und Liegeplätzen fertiggestellt. Doch noch schwimmt kein Boot auf dem Wasser, noch badet im Sommer niemand darin. Ein Kanal zwischen Großräschener und Sedlitzer See ist auch schon vorhanden. Er liegt trocken, bis der Sedlitzer See mit Wasser gefüllt ist. Es wird noch einige Jahre dauern, bis die Träume der Bootsfahrer in Erfüllung gehen: vom Großräschener Hafen starten und bis in den Senftenberger Hafen schippern oder umgekehrt. Durch die vergangenen trockenen Sommer konnte nicht ausreichend geflutet werden.

Mediterranes Feeling am Geierswalder See

Ganz anders sieht es am Geierswalder See aus. Auf der Terrasse des rot-weiß gestreiften Leuchtturms weht eine sanfte Brise vom See herüber und es entsteht maritime Urlaubsstimmung. In der Marina haben viele Schiffe angelegt. Über den schiffbaren Koschener Kanal ist er bereits mit dem Senftenberger See verbunden und über den Barbarakanal gibt es seit 2019 auch die schiffbare Verbindung zum Partwitzer See. Segler, Surfer, Schwimmer und Taucher toben sich in den Sommermonaten auf der großen Wasserfläche aus. Jetzt gehört der See denen, die einfach nur Ruhe suchen.

In die schwimmenden Ferienhäuser sind Familien eingezogen. Den Himmel und den See immer im Blick, denn die Wände sind voll verglast. Lesen, entspannen, am Kamin sitzen, schön essen, guten Wein trinken, vielleicht einen Tagebau anschauen. Das ist der Plan der Gäste. Nichts erinnert mehr daran, dass genau an dieser Stelle bis 1992 in rauen Mengen Braunkohle abgebaut wurde.

Größte von Menschenhand geschaffene Seenlandschaft Europas

© foto-radke@gmx.de Fotograf

Lausitzer Seenland, Luftaufnahme

Inzwischen gibt es in der Lausitz schon 125km² Bergbaufolgeseen. Am Ende wird sich die größte von Menschen geschaffene Seenlandschaft Europas quer durch die Bundesländer Brandenburg und Sachsen erstrecken, 80 Kilometer breit und 40 Kilometer lang mit Badestellen, mal mit, mal ohne Sand. Der breite Strand in Großkoschen ist bei Familien mit kleinen Kindern beliebt, Buchwalde ist das Surferparadies. Am Südsee bei Niemtsch finden Naturliebhaber Ruhe und naturnahe Badebuchten. Fast mediterran wirkt das Ambiente am Senftenberger Stadthafen. Am Strand weht die Blaue Flagge für besonders gute Wasserqualität. Der Landschaftsarchitekt Otto Rindt entwarf bereits Mitte der 1960er-Jahre Pläne der Bergbaunachfolge. „Über Kippen werden Boote segeln“, so seine Zukunftsvision für das Lausitzer Seenland.

Wohin mit dem Erbe der Schwerindustrie?

„Den Startschuss für den Neuanfang als Reiseziel gab die Internationale Bauausstellung (IBA) im Jahr 2000“, erklärt der Touristiker Sören Hoika. Er konnte die Umbrüche direkt vor seiner Bürotür verfolgen. Gut findet er, dass nicht einfach nur geflutet und erst einmal ein Jahrzehnt gewartet wurde, bis die Tagebaue vollgelaufen sind. Es wurde von Anfang an daran gedacht, den Strukturwandel mit Ideen für die Freizeit zu kombinieren. Denn das industrielle Erbe der Lausitz ist gigantisch. Wohin mit den riesigen technischen Geräten, Industriebauten, Werkhallen und Werkssiedlungen, die über Jahre für den Broterwerb der Braunkohlearbeiter sorgten? Für die Lausitzer sind das ihre Kathedralen der Arbeit. Nicht zu vergleichen mit den gotischen Kathedralen in Frankreich, die im 12. Jahrhundert errichtet wurden. Doch aufgrund ihrer Größe und Gestaltung wirken einige wie Sakralbauten.

Brikettfabrik Louise: Der Kohle auf der Spur

Zum Beispiel in Lichterfeld bei Finsterwalde, direkt am Bergheider See, erhebt sich über der platten Landschaft so ein Riesenmonster. Die F60. Das Kürzel steht für die Abraumförderbrücke. Der 500 Meter lange und 11.000 Tonnen schwere Koloss war von 1991 bis Juni 1992 im Braunkohlentagebau Klettwitz-Nord mit ehrgeizigen Zielen in Betrieb. 300 Millionen Tonnen Kohle sollte die Brücke abbauen. Doch nach 13 Monaten war Schluss und somit das ingenieurtechnische Meisterwerk überflüssig. Die Maschine sollte gesprengt werden, wurde aber nach langer Diskussion als Besucherbergwerk in Betrieb genommen. Inzwischen hat die F60, wegen ihres Aussehens auch liegender Eiffelturm genannt, großen Erfolg. Es gibt Touren durchs Stahlgeflecht, beim Dinner in luftiger Höhe kann man den Sonnenuntergang beobachten. Licht- und Klanginstallationen und Events locken im Jahr über 75.000 Besucher an. Höhenangst sollten die Gäste nicht haben, wenn sie den Riesen zu Fuß erklimmen oder sich aus 60 Metern abseilen. 90 Minuten dauert der Rundgang, bei dem ehemalige Bergmänner die technischen Details erklären.

Von der Kläranlage zum Baudenkmal

Aussichtsturm Rostiger Nagel

In Lauchhammer sind die Brikettfabriken und Kraftwerke bereits verschwunden. Als letztes Relikt blieben die Biotürme stehen, in denen giftiges Abwasser geklärt wurde. Heute sind die Türme saniert und ein ziemlich überraschendes technisches Baudenkmal. An einen der Türme wurden zwei gläserne Aussichtskanzeln von außen angehängt. So gibt es aus 22 Meter Höhe einen wunderbaren Rundumblick. Allerdings muss man 126 Stufen nach oben steigen. Wer sich von den Biotürmen faszinieren lässt, der sollte der „Energieroute“ folgen. Radwege wurden gebaut und in den Industriehallen werden Events ins Leben gerufen. Die 500 Kilometer lange Niederlausitzer Bergbautour ist ein beliebter Fernradweg, der durch den Süden Brandenburgs und ein kurzes Stück durch den Norden Sachsens bis nach Hoyerswerda und zur Energiefabrik führt. Manchmal kann man stundenlang radeln, ohne jemanden zu treffen. Langweilig wird es dennoch nicht. Unterwegs gibt es viele Stationen für eine Rast. Der 30 Meter hohe Aussichtsturm aus Cortenstahl am Sedlitzer See wirkt geheimnisvoll. Anfangs hieß es etwas abfällig: Der „Rostige Nagel“ passt nicht in die Landschaft. Doch jetzt sind die Lausitzer stolz auf ihren Turm. Denn von oben gibt es einen Blick über Birken- und Kiefernwälder. Dazwischen schillert der See mit seinem Kanal.

In der Brikettfabrik „Louise“ wurden die gewonnenen Braunkohlebrocken zu pfundschweren Energiepaketen gepresst. Im Denkmal zischt und rumpelt es heute noch, allerdings seit 1991 nicht mehr in der Arbeitsschicht, sondern für Besucher. Schnaufend setzen sich dann die Schwungräder und Kolben in Bewegung, die Siebe rütteln. Alles so wie früher. Wie der Bergbau die Lausitz prägte, welche Anstrengungen technisch und menschlich notwendig waren, um die Kohle in der Lausitz zu heben und zu verarbeiten, davon berichten die Ausstellungswelten aus Licht, Metall und Glas im Museum in Knappenrode.

Kraftwerk Schwarze Pumpe

Zur Lausitzer Industriekultur zählt auch die Gartenstadt Marga in Senftenberg, eine frühere Werkssiedlung aus der Gründerzeit. Erbaut wurden die ursprünglich 78 Häuser der Gartenstadt zwischen 1907 und 1915. Ziel war es, eine zweckmäßige und zugleich freundliche Wohngegend für die Bergleute und ihre Familien zu schaffen. Das ist dem Architekten Georg Heinsius von Mayenburg zur damaligen Zeit gelungen. Jetzt sind die Häuser saniert, die Bäume der gepflanzten Allee in die Höhe geschossen. Die traurigen, staubigen, grauen Zeiten sind längst vergessen. In absehbarer Zeit wird die Landschaft im Lausitzer Seenland vollständig renaturiert sein.

Jeeptour im Winter-Tagebau
Welzow-Süd

Reisebericht: Heidrun Lange

Informationen

„Corona“: Die allgemeinen Hygieneregeln müssen weiterhin eingehalten werden, d.h. Mindestabstand von 1,5 Metern und Maskenpflicht in Räumen. Im öffentlichen Raum gibt es keine Kontaktbeschränkungen mehr.
Informationen über aktuelle Entwicklungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie liefern die Websites Reiseland Brandenburg und Sachsen Tourismus: www.reiseland-brandenburg.de/informationen-zu-corona , www.sachsen-tourismus.de/corona-infos

Anreise: Von Berlin, Cottbus und Leipzig lassen sich die Bahnhöfe des Lausitzer Seenlandes (Forst, Großräschen, Hoyerswerda, Senftenberg) mit verschiedenen Regionalverkehrslinien erreichen.

Unterkunft: Das Angebot an Hotels, Pensionen und Ferienhäusern ist vielfältig. Eine gute Auswahl bietet: www.lausitzerseenland.de .
Besonders reizvoll sind die schwimmenden Ferienhäuser am Geierswalder See, ab 190 Euro am Tag, und am Bärwalder See, ab 160 Euro
www.lausitz-resort.de , www.schwimmendeshaus.de

Unterkünfte und aktuelle Neuigkeiten unter www.lausitzerseenland.de und www.lausitz.de bzw. Brandenburg Tourismus: www.reiseland-brandenburg.de

Wanderungen und Aktivitäten: Start und Ziel der knapp zehn Kilometer langen „Vier-Teiche-Tour“ ist der Familienpark am Südufer des Senftenberger Sees. Er war einer der ersten gefluteten und renaturierten Tagebaue der Region. Die Tour führt durch Winterwald um die Glassandteiche bis nach Hosena und zurück.
Bei der acht Kilometer langen „Märchenwaldwanderung“ gibt es meditatives Walderlebnis und einen spannenden Blick in die Erdgeschichte. Die Wanderung geht durch den UNESCO Global Geopark Muskauer Faltenbogen an der Neiße. Eine Landschaft, geschaffen von dem mächtigen Gletscher der Elstereiszeit vor etwa 300.000 Jahren.
Der alten Lausitzer Industriekultur kommt man auf der Energie-Route an Originalschauplätzen (Besucherbergwerke, Brikettfabriken, Kraftwerke) auf die Spur: www.energie-route-lausitz.de
In der Indoor-Skihalle Snowtropolis bietet die 130 Meter lange und 40 Meter breite Piste mit unterschiedlichem Gefälle mit bis zu 25 Grad abwechslungsreiche Schwierigkeitsstufen für geübte Fahrer wie auch für Anfänger und Kinder. Zwei parallele Lifte, ein Ausrüstungsverleih und Ski- und Snowboardunterricht runden das Angebot ab. Von Dezember bis Ende Februar kann man außerdem auf einer Eisbahn seine Runden drehen: www.snowtropolis.de

Besucherzentrum excursio Bergbautourismus-Verein
​„Stadt Welzow“ e.V., Tel.: 035751/27 50 50
www.bergbautourismus.de

Besucherbergwerk F60
Tel.: 03531/6 08 00
www.f60.de


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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