21. Oktober 2021

An der Küste von Nova Scotia/Kanada

Halifax und die „Titanic“

Der Atlantik zeigt sich von seiner sanften Seite, die Wellen rollen ruhig an den Strand. Das Blau des Meeres spiegelt sich an den Wänden der gläsernen Hochhäuser. Dazwischen ducken sich Backsteingebäude. Wer nach Halifax kommt, findet die Spuren von Franzosen, Basken, Portugiesen und Briten, Gräber von Opfern der „Titanic“-Katastrophe, über 40.000 Studenten und eine lebendige Stadt.

Urige Pubs, Coffeeshops und Restaurants säumen die Straßen, die sich rasterförmig vom Hafen den steilen Hügel hinauf bis zur Zitadelle ziehen, die zwischen 1828 und 1856 angelegt wurde. Im Gänsemarsch wandern die Besucher über schmale Wege zur Festung, die majestätisch über der Stadt thront. Punkt 12 Uhr knallt ein Kanonenschuss über der Stadt. Ein Salut an die Zeit und ein altes Erbe. Erst als der Herzog von Kent der Stadt einen Uhrturm schenkte, wussten alle, was die Stunde geschlagen hat. Wie eh und je wird die Wachablösung der schottischen Garde zelebriert. Jetzt von Studenten. Sie entlocken dem Dudelsack schräge Töne, andere blasen mit aufgeplusterten Wangen Pfeife. Sie zeigen dem Besucher den soldatischen Alltag von Mitte des 19. Jahrhunderts und die koloniale Vergangenheit.

Die sternförmige Festung von Halifax

Ausgelassenheit und Lebensfreude

Hafen von Halifax

Von oben gibt es den schönsten Blick über die Stadt bis zum Meer. Ab dem Frühjahr legen die großen Kreuzfahrtschiffe am Pier 21 an. Schiffsgäste, die etwas auf eigene Faust unternehmen möchten, erhalten im Terminal einen Plan für einen Stadtrundgang durch Halifax. Vom Wasser ist man nirgendwo weit entfernt. Amphibienfahrzeuge und Busse kutschieren die Gäste vom Hafen durch die Stadt. Es geht aber auch zu Fuß.

Die Hafenstraße, für die Einheimischen ist es die Lower Water Street, ist lang und die Gäste laufen über Holzstege an den alten Backsteinhäusern vorbei, die sich eng aneinandergedrängt mühsam durch Jahrhunderte schleppen. Einst suchten die Piraten des Königs in den Speicherhäusern Unterschlupf. Jetzt sind Bistros und Galerien eingezogen. Es gibt Hummer und dicke Steaks. Die Rezepte stammen von den Einwanderern. In den Galerien hängen Ölgemälde, Bleistiftzeichnungen und Grafiken, die die Schicksale der Stadt festhalten. Ein Maler übertupft mit dem Pinsel verstreute Teile eines Schiffes. „Das ist der Tanker Mont Blanc, der 1917 im Hafen explodierte und die Stadt in Asche legte“, sagt Garry. Neben seiner Staffelei stapeln sich Zeichnungen. Meist ragt ein gewaltiger Eisberg aus dem Meer, davor der Luxusliner Titanic.

Farbenfrohe Häuserfassaden

Von der Straße weht eine irische Melodie zu einer Ballade. Ein Musiker spielt mit seinem Akkordeon einen Song, der von Liebe und Tod berichtet, vom Alltag der Siedler. Auf niedrigen Holzstühlen haben Straßenpassanten Platz genommen und halten ein Guinness in den Händen. Ein Eisbär und ein Pinguin tanzen und verneigen sich vor den Passanten. Es ist die Lebenslust, mit der die Einwohner ihren kurzen Sommer erleben. Ein Fest ist jeder warme Abend, und sie genießen ihn ganz so, als gebe es niemals klirrende Kälte in diesen Straßen, niemals Herbst- und Schneestürme, niemals Blitz und Donnerschlag.

Halifax ist aber auch Pilgerort für Titanic-Interessierte aus aller Welt. Hier liegen 150 Opfer des Schiffsunglücks begraben, die meisten davon auf dem Fairview Lawn Friedhof. Aus der grünen Wiese ragen die rumpfförmig angelegten grauen Granitsteine. Nur nachts und in den Morgenstunden ist es dort still. So wie man es sich für einen Friedhof wünscht. Denn ab den frühen Mittagsstunden halten fast stündlich Busse. Die Besucher kommen, um sich auf die Schicksale der Toten einzulassen.

Kinderschuhe von Bord der „Titanic“

Seit 1997 James Camerons „Titanic“-Film in die Kinos kam, ist es fast Pflicht, den Grabstein Jack Dawsons zu besuchen, der im Film von Leonardo DiCaprio verkörpert wird. Die Reiseleiterin Annette findet das etwas übertrieben. Sie kennt die Geschichte einiger namentlich bekannter Opfer. So auch die von Joseph Dawson. Er sei ein irischer Heizer gewesen, der tief unten im Schiffsbauch Kohlen schippte, um die 159 Öfen und 29 Kessel am Laufen zu halten. Der echte Joseph ist der schönen Rose nie begegnet. Er war auch kein Schwerenöter, der mit blauen Augen eine Tochter aus feinem Hause um den Verstand brachte. Regisseur James Cameron lieh sich nur Dawsons Name für seine Liebesgeschichte.

Die Reiseleiterin schaut gebannt auf den Grabstein, der bisher die Ruhestätte eines unbekannten Kindes war. Nach DNA-Analysen wurde erst im Jahr 2007 festgestellt, dass es sich um Sidney Leslie Goodwin, Sohn einer Auswandererfamilie aus England, handelt. Auf der „Titanic“ reiste er gemeinsam mit seinen Eltern und fünf Geschwistern. Alle kamen ums Leben. Die braunen Schuhe, die der anderthalbjährige Engländer Sidney trug, sind im Maritime Museum of the Atlantic ausgestellt.

Gräber von Opfern der „Titanic“-Katastrophe

Das Museum ist nur ein paar Schritte von der Hafenstraße entfernt. Marinegeschichte zum Anfassen und Staunen: Über 30.000 Artefakte, darunter 70 Kleinboote und als größtes Ausstellungsstück die CSS Acadia, ein dampfbetriebenes hydrographisches Vermessungsschiff von 55 Metern Länge, das von 1913 bis 1969 seinen Dienst tat, in beiden Weltkriegen auch als Patrouillenschiff. Mehr als 60.000 Bilder, Karten und Pläne sowie Geräte und Werkzeuge aus der Schifffahrtsgeschichte von Nova Scotia gibt es. Aber eben auch Erinnerungen an den Untergang der „Titanic“. Flure, Kabinen, Salons und die opulente, großzügige Prunktreppe wurden sorgfältig reproduziert.

Sehenswerte Parklandschaft

Malerische Brücke im Halifax Public Gardens Park

Wer nicht so gern ins Museum geht, sondern lieber Blumen mag, für den ist der Halifax Public Gardens Park ein lohnendes Ausflugsziel. Hinter dem reich verzierten schmiedeeisernen Tor beginnt eine grüne Oase. Auf 16 Hektar wurden Gärten im klaren und formalen Stil der viktorianischen Zeit mit Statuen, Steinbrücken, Teichen und Pavillons angelegt. Bunte Dahlien, Tulpen, aber auch exotische Pflanzen gedeihen prächtig. Mittendrin steht ein Musikpavillon, in dem es in den Sommermonaten viele Konzerte gibt. Im Teich schwimmen Enten um ein sinkendes Modell der „Titanic“. Das tragische Ende des Ozeanriesen werden die Kanadier nie vergessen.

Informationen

Seit dem 7. September stehen Kanadas Grenzen für internationale Reisende, die vollständig gegen COVID-19 geimpft sind, wieder offen. Diese müssten dazu auf einem Internet-Portal ihre Daten hinterlegen und bei der Einreise einen negativen PCR-Test vorweisen können.
https://discoverhalifaxns.com
https://www.novascotia.com

Flug
Von Frankfurt/Main mit Air Canada nach Halifax oder mit der Lufthansa von Berlin-Tegel nach Halifax

Unterkunft
Hotel „Ryan Mansion“, St. John’s: Das Hotel hat ein Treppenhaus wie jenes auf der „Titanic“. Für Gruppen gibt es „Titanic“-Menüs auf historischem Geschirr, DZ ab ca. 190 Euro, www.ryanmansion.com .

Restaurants an der Hafenpromenade
Der Star an der Ostküste in der Provinz Nova Scotia ist der Hummer. Die Schalentiere gibt es dort nicht nur in Edelrestaurants oder Feinkostläden, „Lobster“ stehen in jeder besseren Imbissbude auf der Speisekarte. Tipp: Restaurant Salty‘s, http://saltys.ca

Währung
1 Euro sind ca. 1,48 Kanadische Dollars

Maritime Museum of the Atlantic
Dieses eindrucksvolle Museum an der 1674 Lower Water Street gibt Einblick in die Seefahrtsgeschichte. Das Museum dokumentiert auch die Reise der „Titanic“, den Untergang, die Rettung von Passagieren und die Bergung der Opfer; ganzjährig geöffnet: https://maritimemuseum.novascotia.ca

Der Halifax Public Gardens Park
ist vom Frühling bis in den Spätherbst geöffnet. Der Eintritt ist kostenlos. Der Park befindet sich nur einen Kilometer von der Innenstadt und dem Hafenbereich entfernt. An der Ecke Spring Garden Road und South Park Street gibt es einen Bus direkt bis zu den Toren des Parks. Der Eintritt ist frei: https://www.travelworldonline.de/public-gardens-halifax

Bericht: Heidrun Lange


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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