© Heidrun Lange

28. November 2021

Ganz entspannt im Süden des italienischen Stiefels

Sizilien und der Commissario Montalbano

Eine Insel voller Farben und ein Kommissar, der in den Orten Punta Secca, Modica, Scicli und Ragusa Ibla weltbekannt ist. Bei einem „Montalbano-Menü“ gibt es eine atemberaubende Aussicht auf das strahlend blaue Meer. Jetzt in der Winterzeit kommen die Gäste wegen der freundlichen Menschen, der guten Küche und einfach nur zum Entspannen. Denn in Punta Secca ist der Alltag noch „echt“ italienisch.

Sie haben die Romane von Andrea Camilleri nicht gelesen, die Filme nicht gesehen?“ Der Mann am Tresen ist etwas enttäuscht. Doch dann winkt er ab, wischt mit dem Lappen über den Tisch und sagt: „Ist alles nicht so wild, gehen Sie durch Punta Secca und kommen Sie heute Abend zum Montalbano-Menü. Es gibt frische Fischgerichte oder Pasta mit Sardellen. Wir kochen die Speisen, die der Commissario gern aß, wenn er hier zu Besuch war“, meint er augenzwinkernd. Rund um den Küstenverteidigungsturm Torre Sgalabri, den der Adlige Giovanni Cosimo Bellomo im 16. Jahrhundert zur Verteidigung des Hafens errichtete, sind kleine Bars und der Supermarkt ist auch in den Wintermonaten geöffnet. Ein typisches sizilianisches Dorf, mit wenig Trubel, viel Natur und weißem Sandstrand.

Auf den Spuren von Commissario Montalbano

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Denkmal Andrea Camilleris in Punta Secca

Lange Zeit war Punta Secca ein unbekannter Ort, bis der italienische Schriftsteller Andrea Camilleri (1925–2019) die Abenteuer seines Protagonisten, Commissario Salvo Montalbano, zu Papier brachte. Ein literarischer Held, der inzwischen Millionen Leser erobert und als Serie von Fernsehfilmen mit vielen Episoden ebenso viele Zuschauer vor den Bildschirm gelockt hat.

Direkt am Meer steht das Punta-Secca-Haus Montalbanos und seine berühmte Terrasse mit Blick auf den Strand. Hier ist der Commissario in die Wellen gesprungen. Die Sizilianer und die Gäste, die aus aller Welt kommen, stehen direkt am Meer vor seinem Balkon und machen Selfies. Sogar Brautpaare aus aller Welt lassen sich hier fotografieren.

Nach dem Sonnenuntergang wird es im Ort besonders romantisch. Auf dem Meer blinken Lichter. Die Fischer sind mit ihren Booten zum Fischen hinausgefahren. Denn zu dieser Zeit verlassen Oktopusse, Kalmare und Meerbarben für die Futtersuche ihre Verstecke. Auf der Terrasse des Pappappero sieht man die funkelnden Lampen der Boote. Im Restaurant ist es literarisch. Auf der Speisekarte sind die Menüs aufgelistet und mit Textpassagen aus Camilleris Romanen versehen.

Die Einheimischen allerdings gehen nicht wegen des Commissarios ins Restaurant. Sie kommen wegen der Pizza und treffen sich nebenan im „Rosengarten“. Zwei Pizzabäcker belegen die Teigvariationen mit Tomaten und Käse und schieben sie in den traditionellen Steinofen. Auf rund 350 Grad Celsius erhitzt sind sie nach drei Minuten fertig. Klassisch und authentisch, mit einem dünnen Boden, angenehm kross und knusprig. Doch ganz ohne Montalbano geht es auch hier nicht. Über dem Tresen hängt ein großes Foto des Schauspielers und Montalbano-Darstellers Luca Zingaretti, der hier ebenfalls gern Gast war.

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Restaurant Pappappero mit Außenterrasse und fantastischer Aussicht

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Punta Secca am Strand

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Ferienhäuser am Strand von Punta Secca

Ausflug ins mittelalterliche Ragusa Ibla

Will man in die Fußstapfen des Commissarios treten, sind die Orte Modica, Scicli, Ragusa Ibla und Comiso, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören, für einen Ausflug ideal. 15 Kilometer von der Stadt Ragusa entfernt steht die mächtige Festung Donnafugata aus dem späten 19. Jahrhundert. Auf der Terrasse und in dem acht Hektar großen Garten wurden im Labyrinth zwischen exotischen Pflanzen und künstlichen Grotten so manche Filmszenen gedreht. Bis zur mittelalterlichen Stadt Ragusa geht es an Olivenbäumen, Johannisbrotbäumen und bewaldeten Hügeln vorbei.

Sobald man einen freien Blick über die Stadt hat, fühlt man sich um Jahrhunderte zurückversetzt. Häuser würfeln sich den Hang hinunter, dazwischen steile Treppen, über einer Mauer hängen quietschgelbe Zitronen. Ab und an ragt eine Kirchturmspitze in die Höhe. 50 Kirchen soll es in Ragusa geben. Durch die schmalen Gassen läuft man auf bucklig gepflasterten Straßen. Auch barocke Baukunst ist überall anzutreffen. In den Kirchen, auf den kleinen Plätzen und Gassen. Nach dem verheerenden Erdbeben von 1693, das Ost- und Südostsizilien traf und ganze Städte zerstörte, haben die Künstler aus dem 18. Jahrhundert im Auftrag der Aristokraten sich diesem neuen Baustil gewidmet.

Der Dom ist sicherlich das schönste Bauwerk in Ragusa. Direkt neben dem Dom steht der Palazzo Arezzo di Trifiletti aus dem 17. Jahrhundert, der einer Adelsfamilie aus Ragusa gehörte. Damals zogen es die Adligen vor, in den Hügeln zu bleiben, um in der Landschaft den heißen sizilianischen Sommern zu entfliehen. Heute kommen die Touristen, um die barocken Kunstwerke zu bewundern. Und natürlich wegen des Commissarios. Wer die Romane und Filme kennt, wird die Kapuzinerbrücke, den Postplatz und den Volksplatz sofort erkennen. Enge Gassen führen zur Piazza, wo die Polizeistation des fiktiven Ortes Vigata steht. Fast meint man, der Commissario selbst könnte jeden Augenblick aus dem Gebäude treten.

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Ragusa Ibla ist das Zentrum des sizilianischen Barocks.

Auch Modica und Scicli sind sehenswert

Von Ragusa aus ist es nicht weit bis nach Modica, ebenfalls eine barocke Stadt, die nach dem Erdbeben vollständig wieder aufgebaut wurde. Hier wartet in der Filmszene Montalbano auf die Ankunft des Busses mit seiner Livia. Die Treppe der Kirche St. Giorgio ist hingegen in einer wilden Verfolgungsjagd zu bewundern.

Nur zehn Kilometer von Modica entfernt liegt Scicli. Rund um die Piazza Italia und entlang der Via Mormino Penna, wo sich ein barocker Palazzo an den nächsten reiht, wurden ebenfalls Filmszenen für die Montalbano-Reihe gedreht. Verlässt man die Orte, wird es wieder ruhig. Nahe Ragusa lädt das Naturschutzgebiet Riserva Naturale Macchia Foresta del Fiume Irminio zu erholsamen Wanderungen ein. Durch die Dörfer fahren die Gemüsehändler mit ihren Dreirädern und verkaufen von der Ladefläche Tomaten, die unter der italienischen Sonne voll ausgereift sind.

Entspannen im Badeort Marina di Ragusa

Im Badeort Marina di Ragusa war Commissario Montalbano nicht. Es gibt einen Yachthafen mit 800 Liegeplätzen und ein quirliges Zentrum mit Bars und Restaurants. Hier kann man allerdings Ausflüge zu den Schauplätzen des Commissarios buchen. Am Ufer stehen Villen, Ferienhäuser und Hotels. Heute fragt man sich, wie die Stadt ohne diese Strände und Restaurants existieren konnte. Denn vorher lebten die Bewohner nur mit geringem Einkommen aus Fischerei und Seefahrt. Sogar die Einheimischen können kaum glauben, dass die Küstenzone vor vielen Jahren nur ein öder Streifen Brachland war.

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Yachthafen in Marina di Ragusa

Vom alten Fischerdorf steht noch der Turm Torre Cabrera aus dem 16. Jahrhundert mit den Grundmauern, der sich an der Südseite der Piazza Duca degli Abruzzi befindet und auf die Promenade Andrea Doria blickt. Im Norden des Hauptplatzes erhebt sich die Kirche Santa Maria di Portosalvo aus den frühen 1930er-Jahren. Morgens um 7 Uhr läuten die Glocken. Der Pfarrer freut sich über deutsche Touristen, die es in seine Kirche schaffen. Die Backstube ist offen: „Ihr wart doch voriges Jahr schon hier“, erkennt die Bäckersfrau ihre Gäste nach einem Jahr wieder. Zur Schokotorte spendiert sie eine Runde Mandelkekse. Von morgens bis abends ist Leben auf der Piazza, außer während der Siesta zwischen 13 und 16 Uhr.

Dass die Sizilianer zu den Erfindern des Speiseeises gehören, glaubt man sofort, sobald man die Eisbars betritt. Eissorten in allen Varianten, darunter eine fantastisch rabenschwarze. Im Kunstwarenladen stehen die maurischen Köpfe von Sizilien. Sie werden von den Töpfermeistern in Catania von Hand gefertigt und bemalt. Kommt man mit der Verkäuferin ins Gespräch, erfährt man die Legende dazu. Beim Weinhändler nebenan kann man sich den Hauswein in mitgebrachte Kanister oder Flaschen füllen lassen. Jeden Abend verwandelt sich der Hafen in einen magischen Ort. Zu Sonnenuntergang werden Hunderte von blauen Lichtern angezündet. Die Luft ist schwer vom Duft der Jasminblüten. Bummeln mit der Familie ist angesagt. Trotz all dieser Abwechslung ist es am schönsten, auf einer Bank zu sitzen, bei einem Aperol Spritz den Lichtern auf dem Wasser und den vertäuten Booten am Yachthafen zuzuschauen, das leicht vor sich hin plätschernde, unbesorgte Leben zu genießen und einen der vielen Krimis über den Commissario zu lesen.

Informationen

Corona: Für die Einreise nach Italien ist eine Online-Registrierung mittels europäischen digitalen Passagier-Lokalisierungs-Formulars (dPLF) erforderlich: www.adac.de/reise-freizeit/reiseplanung/reiseziele/italien/regionen/sizilien

Maskenpflicht besteht für Innenbereiche. Bars, Restaurants bleiben innen und außen geöffnet. Maximal 4 Personen dürfen sich an einen Tisch setzen.

Flug: Es gibt zwei Flughäfen: Catania und Comiso, von dort geht es weiter mit dem Bus oder Mietauto. Der Flughafen von Comiso ist 35 km von Marina di Ragusa entfernt und gut mit den Buslinien Tumino verbunden (https://tuminobus.it). Der Flughafen Catania ist von Marina di Ragusa etwa 115 km entfernt. Hier sollte man ein Auto direkt am Flughafen mieten.

Unterkünfte: Ferienwohnungen und Appartements: www.sizilien-ferienhauser.com

In den Wintermonaten ist es ruhig in Marina di Ragusa. Für einen langen Spaziergang oder eine Laufrunde ist die Strandpromenade ideal.

Der Hafen von Marina ist ganzjährig Treffpunkt für verschiedene Sportevents. Gut besucht und ideal für einen Aperitif am frühen Abend sind die Pubs am Strand La Mancina an der Piazza della Dogana. Möchte man Musik genießen, gibt es Strandbars an der Promenade. Marina di Ragusa wird seit Jahren von der FEE (Foundation For Environmental Education) die Bandiera Blu (Blaue Flagge) für die Strände und Wasserqualität entlang der Küste, für Service, Sicherheitsvorkehrungen und Umwelterziehung verliehen.

Empfehlenswert ist ein Bootsausflug. Am Hafen befinden sich Agenturen, bei denen man Bootsausflüge, auch mit Skipper, buchen kann. Es gibt Touren zu den Schauplätzen von Commissario Montalbano. Zudem kann man auch Gummiboote, Tretboote und anderes Zubehör für Wassersport mieten. Segelsportler können Kurse buchen.

Reisebericht: Heidrun Lange

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