© Rainer Heubeck

2. Mai 2022

Europäische Kulturhauptstadt Esch an der Alzette, Luxemburg

Von der Industrie- zur Wissensstadt

Der Wandel von der Kohle- und Stahlregion zur „polyzentrischen Kulturmetropole neuen Typs“ – das war der Leitgedanke, mit dem begründet wurde, warum ausgerechnet Essen und das Ruhrgebiet im Jahr 2010 zur Europäischen Kulturhauptstadt erklärt wurden. Esch an der Alzette hat eine ganz ähnliche Geschichte. Die kleine Stadt im Südwesten Luxemburgs ist 2022 eine der drei Europäischen Kulturhauptstädte. Die Eröffnungsveranstaltung zum Kulturhauptstadtjahr fand Ende Februar statt – seither locken tagtäglich verschiedene Events und Ausstellungen.

Bis in die 1970er- und -80er-Jahre war die Region im Süden Luxemburgs von Stahlhütten und vom Bergbau geprägt. Ein klassisches Industrierevier, in dem ehrliche, harte Arbeit dominierte – bis die Hochöfen kalt wurden und die Schlote nicht mehr rauchten, weil Stahlherstellung in Westeuropa nicht mehr rentabel war. Einige Hochöfen wurden verkauft, insbesondere nach Asien, zwei jedoch hat man stehen lassen und zu Denkmälern umfunktioniert. Und einmal im Jahr wandelt sich Esch-Belval, der wichtigste ehemalige Stahlstandort, in ein Freizeitmekka und in eine Art Abenteuerspielplatz rund um die herausgeputzten Industriefossilien. Dann ist Hochofenfestival, ein Event mit Licht- und Feuershows, mit kulturellem Programm und geführten Besichtigungen – und mit einer Seilrutsche, auf der Wagemutige zwischen Hochofen A und Hochofen B in sechzig Meter Höhe durch die Luft rasen können.

Events in der Rockhal und sehenswerte Ausstellungen in der Möllerei

Die Industrie ist aus Belval zwar noch nicht völlig abgezogen, der Stahlgigant ArcelorMittal betreibt hier noch Stahlrecycling, doch geprägt ist der Ort von anderen Dingen – insbesondere einer großen Universität, deren sehenswerte Bibliothek in Teilen des ehemaligen Industriekomplexes untergebracht ist, und einer Reihe von Forschungseinrichtungen. Diese machen das moderne Belval zu einer „Stadt der Wissenschaft, der Forschung und der Innovation“. Das erste markante Gebäude, das bei der Neugestaltung des Stadtteils fertiggestellt wurde, war übrigens eine Konzert- und Veranstaltungshalle, die Rockhal, die 2005 eingeweiht wurde. Dort geben sich seit mehr als fünfzehn Jahren Rock- und Popgrößen wie Mark Knopfler, Lady Gaga und Anastacia die Klinke in die Hand.

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Wissenschaft und moderne Architektur statt Schwerindustrie: Das Maison du Savoir der Universität Luxemburg in Esch-Belval

Diese Rockhal ist während des gesamten Jahres 2022 ein wichtiges Veranstaltungs- bzw. Eventzentrum im Kulturhauptstadtjahr. Ebenso wie die nahe gelegene Möllerei, ein Gebäude, in dem früher die Roh- und Zusatzstoffe mit Erz gemischt wurden, bevor die Mixtur in den Hochofen kam. Ein markanter Industriebau, dessen bislang ungenutzter Teil für viel Geld rechtzeitig zum Kulturhauptstadtjahr saniert wurde, um Workshops und Ausstellungen durchführen zu können. Seit Februar wird dort die Ausstellung „Hacking Identity – Dancing Diversity“ gezeigt, die vom Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe (ZKM) gestaltet wird. Sie steht bis Mai auf dem Programm, anschließend folgen zwei weitere bedeutsame Ausstellungen. Diese widmen sich dem Kulturhauptstadtmotto „REMIX“ aus verschiedenen Perspektiven und werden vom Haus der Elektronischen Künste in Basel und dem Ars Electronica Center aus Linz verantwortet.

Minettpark Fond-de-Gras

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Auch ausgemustert noch äußerst beeindruckend: Die Hochöfen in Esch-Belval sind jetzt Industriedenkmäler.

„Von roter Erde zu grauer Masse“ – so lautet der Leitgedanke aller drei Möllerei-Ausstellungen, die den Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft verdeutlichen sollen. Rote Erde – was hat es damit eigentlich auf sich? Rot ist die Erde immer dann, wenn sie viele Oxyde beinhaltet. Es geht also um Eisenerz, das in der Region lange Zeit gewonnen wurde, anfangs vor allem in Minen, seit den 1950er-Jahren zusätzlich im Tagebau. Der Abbau der sogenannten Minette, das Wort stammt von französischen Bergleuten und bedeutet „kleines Erz“, wurde vor etwa vierzig Jahren aufgegeben: 1978 schloss der letzte Tagebau, 1981 der letzte Grubenbetrieb.

Alain Kleeblatt, den wir im Fond-de-Gras treffen, lässt uns detailliert in die Vergangenheit Luxemburgs eintauchen. Der Gästeführer und frühere Journalist berichtet davon, dass Luxemburg, mittlerweile mit Abstand das reichste Land Europas, bis vor etwa 200 Jahren sehr arm und hauptsächlich von Bauern besiedelt gewesen sei. Nachdem um 1860 in kleinem Stil mit dem Bergbau begonnen worden war, seien in den 1870er-Jahren Gesetze erlassen worden, die die Ausbeutung der Minette bzw. des Eisenerzes in großem Stil ermöglichten. Die Arbeit in den Minen war ertragreich, aber auch gefährlich. Von 1860 bis 1970, so berichtet er, sind insgesamt 1.477 Menschen in den Minen ums Leben gekommen. „Offiziell durfte man erst ab sechzehn Jahren dort arbeiten, aber der jüngste erfasste Tote war erst dreizehn Jahre alt“, ergänzt Alain Kleeblatt, der uns durch den Minettpark Fond-de-Gras führt. Dort werden in einer hierher verlegten Ausstellungshalle, der Paul-Wurth-Halle, alte Dampfmaschinen, Elektrogeneratoren und weitere ausrangierte Maschinen und Industrierelikte aus verschiedenen Teilen Luxemburgs präsentiert. In Fond-de-Gras kehren wir ein im Restaurant „Bei der Giedel“, einer Gaststätte, die inzwischen ein Ausflugslokal ist, aber früher ein beliebter Treffpunkt der Minenarbeiter war. In der 1880 gegründeten Gaststätte werden die traditionellen Luxemburger Schinkenplatten angeboten, empfehlenswert sind aber auch verschiedene Toastspezialitäten, Raclettes oder Flammkuchen.

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Wichtiger Veranstaltungsort im Kulturhauptstadtjahr: Die Rockhal in Esch-Belval ist Luxemburgs größte Show- und Konzert-Location

„REMIX Culture“

Die Verbindung der renaturierten Bergbaulandschaften mit den vielfältigen Kulturangeboten in den Gemeinden und den wiederbelebten Industriebrachen, das ist der Kern des Kulturhauptstadtjahrs „E22“. Eine ganz besondere Mischung sozusagen – und alles neu zu mischen, genau das ist auch das Motto des Kulturhauptstadtjahrs. „REMIX Culture“ ist die Leitüberschrift, die als Klammer über den Veranstaltungen steht. Ein Leitmotiv, das in vier Unterkategorien heruntergebrochen wird: „REMIX Art“, „REMIX Europe“, „REMIX Nature“ und „REMIX Yourself“.

160 Projekte mit mehr als 2.000 Events sollen umgesetzt werden, nicht nur in Esch, sondern auch in den angrenzenden Gemeinden. Diese liegen im Süden Luxemburgs, aber auch in nahe gelegenen Teilen Frankreichs. In der grenzüberschreitenden Kulturhauptstadtregion leben insgesamt 200.000 Menschen aus 120 Nationen, so Generaldirektorin Nancy Braun. Der großzügige Etat ermöglicht es, auch abseitige Ideen zu verwirklichen. Etwa ein Projekt, das die Verbindung der 35.000-Einwohner-Stadt Esch mit dem rund siebzig Millionen Kilometer entfernten Planeten Mars in den Mittelpunkt stellt. Das Argument der Kuratoren, die hier ganz selbstbewusst nach den Sternen greifen, ist so simpel wie einleuchtend: Rote Erde gibt es schließlich hier wie dort.

Bericht: Rainer Heubeck

Anmerkung/Compliance:
Die Recherchen erfolgten mit Unterstützung vonseiten des Luxemburger Tourismusbüros sowie des BKM, der VG Wort und des Programms Neustart Kultur.

Informationen

Anreise: Das Land Luxemburg liegt im Grenzgebiet von Belgien, Frankreich und Deutschland. Die Anreise mit dem Auto empfiehlt sich, denn an das deutsche Bahnnetz ist Luxemburg von Rheinland-Pfalz aus nur per Nahverkehr angebunden, was zu langen Fahrzeiten führt. Vom Hauptbahnhof in Saarbrücken aus gibt es allerdings eine regelmäßige und komfortable Busverbindung nach Luxemburg.

Übernachten: Im IBIS Esch Belval übernachtet man ganz in der Nähe der beiden verbliebenen Hochöfen und nahe der Möllerei, in der interessante Ausstellungen zu sehen sind. IBIS Esch Belval, 12 Av. du Rock’n’Roll, 4361 Esch-sur-Alzette, Tel. +352 26 17 31, E-Mail: H7071@accor.com , https://ibis.accor.com
Naturnah und ideal für Familien sind die Escher Bamhaiser (64, Gaalgebierg, 4142 Esch-sur-Alzette, Tel. +352 2754 3752, https://bamhaiser.esch.lu/de/willkommen/ )

Einkehren: Schmackhafte Hausmannskost im Naherholungsgebiet bietet Bei der Giedel, Fond-de-Gras, Niedercorn, Tel. +352 24 55 87 92, Reservation@giedel-fonddegras.lu , https://giedel-fonddegras.lu/

Gehobene italienische Küche zu zivilen Preisen bietet dimmi si belval, 12 Av. du Rock’n’Roll, Esch-sur-Alzette, Tel. +352 2654 3333, E-Mail info@dimmisi.lu , www.dimmisi.lu

Kulturhauptstadt Esch:
https://esch2022.lu/de
https://www.visitluxembourg.com/de/esch-sur-alzette
www.esch.lu/tourisme

Industriekultur der Region:
www.fonds-belval.lu
www.minetttour.lu
www.minettpark.lu
www.minett-biosphere.com

Staat Luxemburg:
www.visitluxembourg.com


Zitierhinweis: erschienen in dieser Ausgabe
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