20. Juli 2021

Unterwegs im schwimmenden Haus

Mit 3.000 Seen und 33.000 Kilometern Fließgewässer ist Brandenburg für Wasserabenteurer geradezu ideal. Bungalow-Boote (BunBo), die kleinen, bunten, hölzernen Ferienhäuser, sind moderne Hausboote, die man ohne Bootsführerschein durch ausgewiesene Reviere, ruhige Flüsse und stille Seen steuern darf. Betten, Dusche, Grill und Kamin sind stets an Bord. Auf der Veranda steht eine Feuerschale und die Hängematte schaukelt leicht im Wind.

Anfangs erscheint alles kinderleicht: Der Hobbyskipper geht auf die Veranda des schwimmenden Holzhauses, übernimmt das Steuerrad und gibt vorsichtig Gas. Der Außenbordmotor schiebt BunBo, das Bungalow-Boot, an pastellfarbenen Holzhäusern vorbei und aus dem Hafen. Rückwärts. Dann dreht es sich, das Wasser blubbert hinter uns und die Häuser der Stadt Lychen werden immer kleiner. Die Berliner Stadtjungen Leon (9), Maurice (11) und Louis (13) bilden die Crew, allerdings unter Aufsicht eines Erwachsenen. Sie sind begeistert von ihrer neuen Aufgabe und sind vom Steuer kaum wegzubekommen. Einen Kompass brauchen sie nicht unbedingt. Sie orientieren sich mit Hilfe der Gewässerkarte und beherzigen alles, was sie vor dem Ablegemanöver gelernt haben, als sie in die Technik an Bord eingeführt wurden und sich die wichtigsten Regeln der Binnenschifffahrt einprägten. Zum Beispiel: Grüne Tonnen lässt man links stromabwärts liegen, rote rechts. Die Bungalow-Boote müssen Segelyachten, Ruderbooten und Kanus ausweichen. Wer von rechts kommt, hat Vorfahrt.

Die Fahrt führt durch das träge Wasser der Havel und weiter durch glasklare, türkisfarbene Seen und Bäche. Schilf säumt die Ufer und wiegt sich sanft im Wind. Hin und wieder lugt ein Boot aus dem grünen Dickicht.

Die Havel hinunter

Der kleine Ort Burgwall kommt in Sicht. In dem ehemaligen Schifferort waren vor allem Flößer, Schiffer und Bootsbauer zuhause. Heute zählt er mehr Besucher als Einwohner. Letztere sind bestens am geruhsamen Gang zu erkennen. Im Gasthof im ältesten Haus des Ortes balanciert der Kellner schwere Platten mit duftenden Gerichten zwischen den Tischreihen. Wie so oft stehen frisch gefangener Zander, Hecht und Wels auf der Speisekarte.

Sprung ins kühle Nass von der Terrasse aus

Die einstigen, heute mit Grundwasser gefüllten Tonstiche sind ein Tierparadies, in dem sich Biber, Fischotter und Rotbauchunke niedergelassen haben. Weitere Hausboote in fröhlichen Farben sind unterwegs, einige ankern an den flachen Rändern der Gewässer. Es ist sehr still, denn die drei kleinen Matrosen haben uns in den Naturschutzpark Uckermärkische Seen gesteuert. Sie bestaunen die Havel mit all ihren Windungen, Altarmen, Ablegern und Seen, mit den vielen kleinen Buchten und Stränden. Hoch oben in den Kronen der Erlen sitzen Kormorane und Fischreiher und halten Ausschau nach Beute, unten begleiten Enten und Schwäne die Fahrt. Aufregend wird es abends beim Ankern in einer Sandbucht. Dafür lenkt der Skipper ganz langsam die Veranda in Richtung Ufer. Bloß nicht zu dicht ans Schilf, hatte der Betreiber der Boote gesagt. Ein passender Platz ist schnell gefunden: nah am Ufer und das Wasser keinen Meter tief. Der Ankerpfahl wird durch eine Röhre geschoben und das Hausboot damit an den Boden des Sees genagelt.

Küche mit Kamin

Neugierige Schwäne kommen, beäugen die neuen Nachbarn, schlagen mit den Flügeln Wellen und hoffen darauf, etwas vom Proviant der kleinen Seemänner abzubekommen. Den wollen die drei aber erst noch fangen, denn es sollen sich Zander, Barsch, Hecht und Wels im See tummeln. Bloß wo? Lediglich Plötzen und Rotfedern gehen den Anglern an die Haken. Es wird trotzdem ein köstliches Mahl, für das schon die Holzscheite verheißungsvoll in der Feuerschale auf der Veranda knistern.

Schlafzimmer im Hausboot

Ankern im Vogelparadies

Beim leichten Schaukeln des BunBos schläft es sich prächtig und schon um 5 Uhr früh schickt die Morgensonne ihre ersten Strahlen als sanften Wecker durch die Bäume direkt ins Haus. Im Wald werden auch die Sänger munter. Mit „Zick-tsi, zick-tsi“ begrüßt ein Rotkehlchen den neuen Tag. Ganz vorn im Schilf hat sich eine Rohrdommel an den Stängel geklammert. Immer mehr Stimmen fallen in das Morgenkonzert der Vögel ein. Knäk- und Krickente, Brachpieper, Braunkehlchen und Raubwürger. Willkommene Begleitung für ein Frühstück auf der Veranda, um in aller Ruhe die letzte Etappe zu planen.

Ein schöner Platz zum Verweilen

Die soll nach Templin führen. Dafür muss eine Schleuse passiert werden. Hoch und etwas bedrohlich wirkt die Mauer, an deren oberer Kante das Boot nur lose befestigt ist. Als sich die Kammer nach und nach mit Wasser füllt, ruft Maurice begeistert: „Wir wachsen!“, und hält die Stange fest, mit der er vorher das Boot von der Wand abgestoßen hat. Die Schleusentore gehen auf und das schwimmende Häuschen gleitet auf die Templiner Stadtseen.

Besuch in Templin

Das Anlegemanöver im Hafen wird für die unerfahrenen Matrosen zu einer kleinen seemännischen Herausforderung. BunBo-Fahren ist eben doch kein Kinderspiel. Rangieren will geübt sein. Bald ist es geschafft und der Hafen empfängt mit Strom, Wasser, sanitären Einrichtungen, Brötchenservice und etlichen Liegeplätzen für weitere Tagesgäste.

Eine kleine Anhöhe führt in die Stadt mit ihrer Stadtmauer aus Feldstein. 1.735 Meter lang und bis zu sieben Meter hoch sollte sie vor gefährlichen Angriffen schützen. Die drei jungen Seemänner umrunden sie und stellen sich vor, wie es wohl dort im Mittelalter ausgesehen hat.

Und damit geht das Bungalow-Wochenende leider schon dem Ende entgegen. Wie schade, denn die Jungs haben sich inzwischen bestens mit dem Boot arrangiert. Sie beherrschen das Schleusen, binden perfekte Knoten und wissen, wann und wo sie zupacken müssen. Ein Blick auf die Karte verrät ihnen, dass sie nur noch einige Kilometer vom Ausgangshafen entfernt sind. Leon sucht mit dem Fernglas das Ufer ab. Er hält Ausschau nach einem Biberbau. „Da müsste einer sein“, ruft er aufgeregt und gibt das Fernglas weiter. Zwei Bäume liegen fein säuberlich gefällt im Unterholz. Die Rinde ist abgeschält, neben dem Baumstrunk liegen große Späne. Doch ein Biber ist nirgends zu sehen. Die Nagetiere sind nur nachts aktiv.

Auf den letzten paar hundert Metern erfreuen am Ufer Gartensiedlungen mit vom wilden Wein überwucherten Lauben, prachtvollen Blumenrabatten und üppig tragenden Obstbäumen. Beim wehmütigen Abschied von den sanften Gewässern weiß die kleine Crew ganz genau, was sie sich als Nächstes wünschen wird: ein zweites Hausboot-Abenteuer.

Informationen:

In einem Bungalow-Boot (BunBo) dürfen bis zu sechs Personen mitfahren, Hunde ebenfalls.

Ein Bootsführerschein ist nicht erforderlich. Nach einer gründlichen Einweisung gibt es den Charterschein.

Zum Kennenlernen des BunBo ist eine Drei-Tages-Tour optimal. Sie ist für Anfänger und Familien bestens geeignet. Sie kann zum Beispiel vom Hafen in Lychen über den Stadtsee führen. Das Wasser ist klar und sauber und es gibt Aale, Schleie und auch Zander. Vom Hafen Templin brauchen die Wasserwanderer nur ein paar Minuten zu Fuß in die Stadt.

Ein BunBo schafft am Tag zirka 20 bis 30km. Der Treibstoffverbrauch liegt bei etwa 2 Litern pro Stunde.

Es gibt die unterschiedlichsten Strecken und Reviere. Je nach Charterbasis werden Wochenendtouren und One-Way-Trips angeboten, aber auch 6-Wochen-Touren über Müritz und Elbe. Gut für Familien, Gruppenreisende, aber auch Kanuten und Wanderer, die das Boot mieten und als Basisstation nutzen wollen.

Essen & Trinken:

Wegen der zahlreichen Binnengewässer werden in den Restaurants entlang der Wasserwege viele Fischgerichte serviert, vor allem Hecht, Zander, Aal und Karpfen.

Sehenswert:

Auf einem Haveltörn lässt sich die Natur riechen und fühlen. Viele Tiere können auch ohne Fernglas beobachtet werden. Die kleinen Ortschaften an den Ufern laden zu Spaziergängen ein. Mit einem Bootsführerschein ist ein Törn nach Potsdam und sogar bis ins Zentrum von Berlin möglich.

Beschäftigung an Bord:

Vom BunBo aus kann man angeln und ins Wasser springen. Zum Angeln benötigt man einen staatlichen Fischereischein und eine gültige Angelkarte.

Wetterfeste Kleidung nicht vergessen!

Preise:

Ein langes Wochenende mit dem BunBo variiert je nach Saison. Ab 330€ kostet ein Wochenende, eine Woche ab 695€ (jeweils zuzüglich Brennstoff, Bettwäsche und Endreinigung). An Bord gibt es zwei Zimmer mit je einem Doppelbett, im Aufenthaltsraum ein breites und bequemes Schlafsofa. Wer keinen Sportbootführerschein für das Binnengewässer hat, kann sich vor Ort eine dreistündige, theoretische und praktische Einweisung geben lassen und anschließend für 30€ einen Charterschein erwerben.

www.bunbo.de

Aquare Charter GmbH

Große Mühlenstr. 10

D-14774 Brandenburg-Plaue

E-Mail: info@bunbo.de

Die Bungalow-Boote sind im Land Brandenburg, in Mecklenburg-Vorpommern und in Holland unterwegs.

Bericht: Heidrun Lange

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